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| Reisebericht
Vietnam, Januar 2004,
Lao Cai - Hanoi - Hue - Hoi An - Pleiku
- Buon Ma Truot - Nha Trang
Cafe und Baguette, Prince und Michael Jackson, Hot Toc und Bier |
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| Sonntag Morgen um fünf, Bahnhof Hanoi: Wir trinken
Kaffee, nein: Cafe. Schliesslich verdanken wir die Freude den Franzosen,
die hier hundert Jahre lang ihre Kolonie hatten und morgens offenbar nicht
ohne frisch gebrühten Cafe und Baguette zum Herrschen aus dem Haus
gehen mochten. Wir vergehen vor Wonne wie Welpen an der Zitze.
Wir kennen Vietnam erst seit wenigen Tagen, aber wir
haben bereits manche Spur von denen gesehen, die hier Einfluss ausübten
und noch ausüben: Von den Franzosen erzählen viele von europäischen
kaum zu unterscheidende Bauten. Unübersehbar ist allerdings eine
Spezialität: Manch schnörkeliges Haus ist kaum zwei Meter breit,
denn es gab Zeiten, in denen Steuern nach der |
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Breite der Eingänge erhoben wurden. Platz machte
man mit der Ausdehnung in die Tiefe gut. Und so werden wir mehr als einmal
in den fensterlosen Bauch eines so genannten Minihotels geführt.
An den Amerikanischen Krieg, wie er hier heisst, erinnern unzählige
Kriegsfriedhöfe und Gedenkstätten. Vom Handel mit Kriegssouvenirs,
wie er noch immer blühen soll, bemerken wir nichts. Dafür staunen
wir, dass viele Frauen ganz selbstverständlich Schäle mit Stars-and-Stripes-Muster
tragen. Und die Leute sprechen englisch. Kinder sprudeln uns aufgeregt
zappelnd wahre Hello-Hello-Fontänen entgegen. Die Erwachsenen zappeln
etwas weniger, helloen aber nicht minder. Das ist auch gut so, denn das
verstehen die, die jetzt im Land sind: die Touristen. |
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Prince und Co.
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| Wir wollen ein paar Tage in Hanoi bleiben
und suchen deshalb eine nette Bleibe. Dabei finden wir heraus, dass es
in der Hauptstadt Dutzende von Hotels mit dem Namen 'Prince' gibt. Nachdem
wir kurz an der Phantasie der Hanoier Hoteliers gezweifelt haben, kommt
uns ein anderer Gedanke: Der Lonely Planet, Gault Millau unter den Guidebooks,
empfiehlt in Hanoi das Hotel Prince. Was liegt also für den durchschnittlichen
Hotelbesitzer näher als eine kleine Namensänderung, um das Geschäft
zu beleben? Wenigstens sind sie so nett, die neuen Princes durchzunummerieren:
Prince 5, Prince 12, Prince 76.
Die Bewohner der Altstadt haben sich in die engen Gassen und Innenhöfe
zurückgezogen, sie überlassen das Terrain den Touristen und
denen, die von ihnen leben: Seide, Stäbli, Teetassen, Stäbli,
Seide. Jeder versucht etwas zu verkaufen. Jeder versucht von etwas zu
leben. Mit den Grenzen, die 1991 für Ausländer aufgingen, gingen
für die |
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Vietnamesen auch neue Perspektiven auf.
An denen, die es sich leisten können herzufliegen, lässt sich
gut verdienen, das ist klar. Uns beengt es trotzdem, diese bedingungslose
Hingabe gegenüber möglichen Kunden zu sehen. Sind wir Reisesnobs
geworden, die sich zieren, selbst als Touristen zu gelten? Nein, das hier
ist einfach zu viel. Zu viel, wie der Töffliverkehr, der Hanois Strassen
verstopft. Jeder, der irgendwann im Mittelalter ein Velo besass, fährt
heute hupend einen stinkenden Roller. Die Luft ist so schlecht, dass die
Leute auf der Strasse Gesichtsmasken tragen. Die Frauen sehen aus wie
Michael Jackson: Der Mode entsprechend sind ihre Gesichter künstlich
gebleicht, sie tragen einen Mundschutz, der fast bis zur Stirn reicht,
Sonnenbrille und Handschuhe, lang bis zu den Ellenbogen. Hanoi gefällt
uns schliesslich dort am besten, wo man eine Türe schliessen kann:
im herzbewegend fröhlichen Wasserpuppentheater und im Museum. |
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Regenzeit
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| Wir lassen uns im Zug an die Küste
rütteln. Nach Hue. Zwar sprechen die Vietnamesen besser Englisch
als die Chinesen, ihr Umgang mit Organisationsfragen ist jedoch chinesischer
als der jedes Chinesen, also kompliziert. Und so kommt es, dass wir, noch
am Hanoier Bahnhof, endlich einmal jemanden bestechen: Einen Dollar zahlen
wir dem Gepäckmann heimlich, damit er unsere Fahrräder auf denselben
Zug auflädt. - Die Velos kommen fünf Züge und acht Stunden
später als wir in Hue an. Wir sind so voller negativer Vibes gegenüber
diesem Gleleisebanditen, dass wir unser inneres Gleichgewicht in der Wartezeit
mit einem Rundgang durch ein buddhistisches Kloser wieder herstellen müssen.
Ausserdem pisst es in Hue und es wird offensichtlich, was wir verdrängt
hatten: hier am Nordende der Küste herrscht Regenzeit.
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Unseren eigenen Frust über dauerfeuchte
Kleider und Pfützen, gross und tief wie das Kinderplanschbecken im
Schwimmbad, verzieht sich aber rasch, als wir die Häuser der Küstenbewohner
sehen: schimmelig wie Roquefortkäse, graublauschwarz stehen sie vor
den durchdringend grünen Reisfeldern. Oft sind sie nur über
schmale Stege durch Wasserebenen erreichbar. Alles modert hier im Dauerregen,
an der Strasse, auf der wir nun wieder mit dem Velo unterwegs sind, stehen
Wasserpegelmesser wie an einem Fluss.
Im strömenden Regen überqueren wir den Wolkenpass - es ist,
als ob alles Wasser, das uns seit wir losgefahren sind, verschont hat,
nun vom Himmel fiele. Wenigstens ist es warm. Und so nehmen wir uns bei
der Talfahrt Zeit, noch ein wenig den Leuten zuzugucken, die zu einem
schweren Getränkelaster eilen, der in einer Kurve wie ein Donnerkäfer
auf dem Rücken liegt: sie wollen möglichst viele der herumliegenden
Bierflaschen ergattern. |
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Hot Toc
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| Unfälle. Wir sehen während
der Küstenfahrt mehrere. Und doch vergleichsweise wenige. Denn der
Verkehr an Vietnams Küste ist wie im Iran im August: irr und uneerträglich.
In den Städten verengt sich die Strasse zum Flaschenhals, Busse,
Laster und Motorräder hupen, dass es in den garagenähnlichen
Eingängen der Häuser tausendfach widerhallt. Die Busgesellschaften
stellen neben dem Chauffeur einen Beifahrer an, der vorne aus der Tür
hängt und von Hand wegscheucht, wer vor dem Gehupe noch nicht geflüchtet
ist. Die Hupen sind so grell und irr und laut, dass wir um unser Gehör
fürchten: Wir fahren mit Ohropax. Und wirklich: "Hot Toc"
lesen wir immer wieder auf Schildern entlang der Strasse. "Hot Toc"
muss etwas |
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heissen wie "Ohrenbohren",
denn hinter den Schildern in einfachen Hütten sehen wir Männer
und Frauen mit selbst gebauten Stirnlampen, die mit furchterregenden Geräten
die Ohren anderer Männer und Frauen bearbeiten. Uns erstaunt's nicht,
wenn die Hälfte der Vietnamesen mit Ohrenschäden in Behandlung
geht.
So nicht. Wohl ist das Meer schön. In Sa Huinh haben wir in wilden,
schäumenden Wellen gebadet. Wohl essen wir hier köstlichen Fisch
und wohl gäbe es von der Küste aus interessante Tempel von vietnamesischen
Urvölkern zu besichtigen. Doch wir haben genug vom Küstenverkehr.
Wir entscheiden uns, einen Haken durch die Central Highlands zu schlagen. |
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Im Hochland
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| "Für diese Entscheidung werden
sie sich noch lange auf die Schulter klopfen" - nun können wir
ihn wieder bringen, unseren Running-Gag, der ursprünglich aus irgendeiner
Verkaufsbroschüre zu irgendeinem Gerät von Simu stammt. Im Innenland
erwartet uns viel Gutes und solches, das gut wird, weil lustig, wenn genug
Zeit verstrichen ist. Gut: Der Verkehr nimmt ab, wir fahren durch wunderbar
grünes Hügelland. Wir sind im Gebiet der Hilltribes, dem Pendant
zu den chinesischen Minoritäten. Diese Leute sind nicht auf Verkauf
aus, sie sind herzlich, ja rührend: an einer Tankstelle trägt
eine Frau aus dem Hinterhof auf den Schultern eine Holztüre herbei,
um sie vor das offene Klohaus zu stellen, in dem Sarah kauert... Wir erleben,
wie als Vorbereitung auf das vietnamesische Neujahrsfest, das Tet-Festival,
überall Orangenbäume aufgestellt, Fahnen gehisst und kleine
Altäre, die wie Briefkästen vor fast jedem Haus stehen, mit
Früchten und Räucherstäbchen geschmückt werden. Am
Festtag selbst teilen wir die autofreie Strasse mit Familien in weissen,
gestärkten Hemden und wallenden Röcken, die zu dritt, zu viert
auf dem Motorrad, auf Verwandtenbesuch fahren. An den Strassenecken werden
wir zu Süssigkeiten und Schnaps eingeladen. Und schliesslich treffen
wir in den Highlands auf Martin aus St. Gallen, der seit bald zwei Jahren
mit dem Velo unterwegs ist. Mit ihm bleiben wir zehn Tage zusammen. Und
er ist auch in Ea H'leo mit dabei.
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Ea l'Heo - der Ort stand von anfang
an nicht unter einem guten Stern. Wir wollten an jenem Tag gar nicht dort
hin. Geplant war eine Sonntagsfahrt (vgl. Reisebericht China 3). Vierzig
Kilometer sollten es werden, es wurden hundertzehn. Zwanzig davon im Dunkeln.
Schuld war eine velofahrende Australierin, die uns einen Übernachtungstip
gab, der sich als Niete herausstellte. Nach viel zu langer Fahrt treffen
wir also, gelotst von Einheimischen, im einzigen Hotel in Ea l'Heo ein.
Doch die Wirtin empfängt uns nicht, wie wir gehofft hatten, mit warmem
Essen und Bett. Sondern mit abweisender Mine und Kopfschütteln. Was
dann folgte, kann gut in Stichworten wiedergegeben werden. Es bleibt dann
so unverständlich wie für uns auch an jenem späten Abend:
Wir müssen auf die Polizei, eine Registrierung sei nötig - Der
Oberpolizist ist betrunken - Wir zurück zum Hotel - Die Wirtin weigert
sich: keine Zimmer - Wir wieder zur Polizei - Die Polizei kommt ins Hotel,
trinkt zehn Dosen Bier - Wir sollen mit dem Bus mitten in der Nacht weiter
- Wir weigern uns - Endlich: Wir bekommen was zu essen - Ein weiterer
Polizist kommt. Undsoweiter. Bis wir um Mitternacht endlich im Bett liegen.
Am nächsten Tag, nachdem wir das Bier der Polizisten bezahlt haben,
das man auf unsere Rechnung gesetzt hat, spekulieren wir darüber,
ob wir uns vielleicht in Gebiet befinden, für das es eine besondere
Reisegenehmigung braucht. Doch im Grunde haben wir keine Ahnung, worum
es bei dem nächtlichen Theater ging. |
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Umkehren
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Bis nach Nha Trang, das wieder am Meer
liegt, ist es nun nicht mehr weit. Dort angelangt, suchen wir stundenlang
ein Hotel. Es gibt einfach zu viele davon. Schliesslich wählen wir
ein Guesthouse, das Hugo liebevoll mit einer Ferien-Destination für
das mittlere Kader der PTT vergleicht. Wir fühlen uns dort sehr wohl.
Doch alles hat einmal ein Ende. Und wir |
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sind am südlichsten Punkt unserer
Reise angelangt. Hier kehren wir um. Die Wellen waren zum Baden sowieso
zu hoch. Also setzen wir uns Ende Januar einmal mehr in den Zug und fahren
zurück nach China. Die letzten unserer Reisewoche wollen wir in den
wilden Grossstädten des Ostens verbringen: Auf nach Shanghai. |
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