Schillernde und schlichte Städte, ein Zweitausender und ein fruchtbares
Tal



Nachdem wir gerade gelernt haben, dass es ein Problem sein kann, Käse zu kaufen zum Frühstuck oder Honig oder Butter, weil es das alles im Laden schlicht nicht gibt, nachdem wir uns damit abgefunden haben, dass Camcas

 

(Teigtaschen mit Zwiebel-Schafffleischfüllung) das einzige ist, was es im Restaurant zu essen gibt, nachdem wir also dem Alltag in Zentralasien ein kleines Stück näher gekommen sind: Bukhara.


Bukhara und Samarkand

 

Bukhara ist eine schöne Stadt, eine schillernde Stadt, eine wichtige Stadt. Ehemalige Station der Seidenstrasse und Zentralasiens heiligste Stadt, ist sie heute einer der Orte, die Touristen in Usbekistan besuchen. Zu besichtigen gibt es unzählige Medresen (Koranschulen), Moscheen, Meusoleen, den Bazar. Und überall ist man auf Besuch eingerichtet. Auf Besuch, der Teppiche kaufen will, Schmuck, Seidengewänder, Keramikgeschirr – oder eine grellrote Leninfahne. Für uns ist die Tourismusinfrastruktur etwas Zwiespältiges, sie stört uns überall dort, wo uns Händler hartnäckig umgarnen, wo getrimmte Kinder mit vorgefertigten englischen Sätzen Zeichnungen anpreisen oder Stickereien. Und wir geniessen sie überall dort, wo uns gute Hotels (Nodirbek) und gefüllte Läden wieder einmal einige Tage im Luxus ermöglichen. Und wo wir wieder einmal auf andere Touristen aus Polen, aus Kanada, aus Frankreich, Belgien treffen.

Wir bleiben vier Tage in Bukhara, steigen auf Minarette, fotografieren, wandern über den Bazar, trinken Tee unter uralten Maulbeerbäumen, erleben in der Dämmerung ein muslimisches Abendgebet im Hof einer leeren Moschee. Wir besichtigen den russischen Teil der Stadt, wundern uns über den Kontrast der Hochhäuser und klotzigen Monumente zu den filigranen Mosaiken der islamischen Bauten. Wir bleiben bis zum zweiten September,

  denn am ersten, dem usbekischen Unabhängigkeitstag, würden unzählige Polizeikontrollen auf den Strassen unsere Weiterfahrt behindern, sagte man uns. Unsere Weiterfahrt wird auch nach dem Feiertag andauernd durch Pseudokontrollen von gelangweilten Uniformträgern behindert. Schwatzbasen. Dafür sehen wir die Usbeken feieren. Wodka, Wodka, Schaschlick und irgendeine Darbietung, zu der man aber nur nach einer ausgiebigen Polizeikontrolle zugelassen würde. Danke.

Weiter geht’s auf abgasfreien Strassen. Schreib was über die gut riechenden Lastwagen, sagt Simu. Denn das sind diese gasbetriebenen Gefährte für uns, die wir im Iran qualvolle Stunden hinter rauchenden Dreckschleudern verbracht haben. Richtung Samarkand. Der ebenso schillernden Seidenstrassenstadt, deren Monumente noch grossartiger, noch üppiger sind als jene in Bukhara. Hier wirkte Timur, Tyrann im 14. Jahrhundert, von Grössenwahn besessen liess er immer höher, immer weiter bauen, bis ein Erdbeben die Pracht nahezu zerstörte. Vieles wurde erst nach der sovietischen Besetzung wieder aufgebaut. Dem Ort entsprechend wohnen auch wir prächtig, in der teppich- und lüsterbestückten Suite eines Hotels, das uns polnische Traveller empfohlen hatten und das wir ohne ihren Hinweis nie gefunden hätten.


Zum Beispiel Kattagquorgan

 

Zwischen den tourismusgewohnten Städten Bukhara und Samarkand liegen Orte, in die sich kaum je ein Tourist verirrt. Kattaquorgan zum Beispiel. Nicht klein, nicht gross. Ein Hotel, in dem das Wasser bestimmt um sechs Uhr kommen wird und wenn nicht um sechs Uhr, dann bestimmt um acht Uhr. Ein Hotel, in dem eine junge usbekische Frau eingemietet ist, die ein ganz erstaunliches Deutsch spricht. Automatisch und auswendig gelernt sprudeln ganz überraschende Sätze aus ihr hinaus: Mein Vater arbeitet auch! Er ist Buchhalter! Antworten auf unsere Fragen gibt sie keine. Sie versteht sie nicht. Einige Tage später wird ein Mann auf der Strasse Sarah nicht weniger überraschend auf deutsch ansprechen: Die Mutter arbeitet im Garten! Aha.

Die Gespräche. Sie werden oberflächlicher, denn kaum jemand spricht mehr englisch oder eben deutsch. Das heisst nicht, dass wir keine Gespräche führen wurden. Es

 

entwickeln sich Standardsätze, die wir in Variationen täglich unzählige Male austauschen. Die Essenz davon lautet so: Ad kuda? – Schwitzaria! – Maladiez! Woher kommt ihr? – Aus der Schweiz! – Wow! Kein Konstrukt. Diese Unterhaltung hat so wörtlich stattgefunden. Angereichert wird sie häufig mit Fragen nach Kilometer- und Zivilstand, nach Kindern und Beruf. Viele Kinder sind gut, keine sind schlecht. Denn die Usbeken haben viele Kinder. Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt. Einen Lacher haben wir ausserdem immer auf sicher: Dass Bea zwei Jahre älter ist als Hugo, ihr «musch», ihr Ehemann, löst regelmässig Lachkrämpfe aus.


Richtung Tashkent

 

Langsam wird es Herbst, das Licht ist flacher, die Temperaturen sind angenehmer. Endlich brauchen wir nicht mehr um fünf Uhr früh aufstehen, um uns vor der sengenden Sonne zu schützen. Wir fahren weiter Richtung Tashkent. Der Weg führt durch ein Gebiet, das die sowietischen Besatzer «hungry steppe» genannt haben sollen. Und ausgerechnet dort verfahren wir uns. Erstaunlich, denn das Gebiet ist flach und weit und übersichtlich. Aber einmal die falsche Abzweigung erwischt und man fährt Kilometer um Kilometer bis zum nächsten Orientierungspunkt. Hungrig und müde machen wir schliesslich im kleinen Örtchen Zarbdar halt. Es wird unser Quartier für die Nacht. Denn ohne Vorwarnung wird Hugo von einer Fieber-Kotz-Attacke ereilt, es bleibt ihm nichts, als sich neben der Kreuzung auf den Boden zu legen, was niemandem speziell aufzufallen scheint, bis wir auf einer staubigen Art Allmend unsere Zelte aufgestellt haben. Doch falsch. Die Leute sind nicht gleichgültig. Eine halbe Stunde später – Hugo hat sich inzwischen relativ prominent erbrochen – wenig später also erscheint die Ambulanz mitsamt Arzt, den wir nur knapp davon abhalten können, erst mal eine Spritze zu geben. Dass zwei von uns selbst Ärzte sind, beruhigt ihn schliesslich, und er fährt ab. Hugo beginnt gleich eine Antibiotikakur und ist

 

schon am nächsten Tag wieder recht fit. Bevor wir uns endgültig ausruhen können erhalten wir in dieser Nacht Besuch von einer Gruppe betrunkener Polizisten, die uns eindringlich warnen: vor Betrunkenen nämlich, die uns hier nachts belästigen würden!

Weiter Richtung Tashkent - einer Zweimillionenstadt. Und doch sind die Strassen weit und leer, als wir hinein fahren. Im Gegensatz zu den lauten, grellen Bazaren, die wir gesehen haben, wirkt hier alles gross, klotzig, reich – und tot. Das Kunstmuseum, das wir hier besuchen, reihen wir im Geist unter «die skurrilsten Museen des Ostens» ein, gleich nach dem Museum im iranischen Mashad. Also shoppen wir lieber und essen Fastfood. Nach all diesen Schafen endlich Pommes Frites, es ist eine Freude und kostet den halben durchschnittlichen Monatslohn eines Usbeken. Dieser beträgt in den Städten rund 50 Dollar.


Das Ferganatal

 

Vor uns liegt nun noch der Kumchik-Pass, 2300 Meter hoch, der uns vom Ferganatal trennt. Wir überwinden ihn mehr oder weniger locker, denn diesmal sind des Simu und Sarah, die sich vertieft mit ihrer Verdauung beschäftigen müssen.

Nach zwei wilden Übernachtungen erreichen wir schliesslich das berühmt-berüchtigte Tal. Im Ferganatal kam es anfangs der neunziger Jahren zu Unruhen zwischen Usbeken und benachbarten Kirgisen, es gilt zudem als Sitz islamischer Fundamentalisten. Reisende werden gewarnt, sich vor Besuchen genau über die aktuelle Situation zu informieren und sich zudem züchtig zu kleiden, um nicht aufzufallen oder Anstoss zu erregen.

Wohl wegen dieser wenig erfreulichen Informationen haben wir uns das Ferganatal unwillkürlich eng und düster, voller felsiger Hinterhalte vorgestellt.

 

Dessen werden wir uns erst bewusst, als wir bei herrlichem Herbstwetter durch die fruchtbare Landschaft fahren. Baumwollfelder, die es hier noch aus sovietischen Planwirtschaftszeiten in Massen gibt, Traubenhaine, Blumen. Alles wirkt gepflegt, die Strassen sind breit und gut. In Margilan besichtigen wir eine der berühmtesten Seidenfabriken – es ist die einzige im Land, die noch nach ursprünglichen jahrhundertealten Methoden produziert.


Einmal mehr erleben wir im Ferganatal, was wir auf unserer Reise schon so oft erfahren haben: Wo wir hinkommen und wir mit unseren Informationen und vorher aufgebauten Vorstellungen auf die Realität treffen, stellt sich heraus, dass die Realität weit weniger düster, gefährlich, schwierig, kompliziert und drohend ist, als man manchen Medienberichten zufolge annehmen könnte.