Bürokratie, Wodka, Gold und Schaffleisch




Turkmenistan hat einen schlechten Ruf. Zumindest bei Journalisten und bei Velofahrern. Einen, der über das spärlich besiedelte Wüstenland zwischen Iran und Usbekistan schreiben wollte, liessen sie erst gar nicht hinein; auf dem geschlossenen Flughafenterminal hockend blieb ihm nichts anderes übrig, als einen wütenden Bericht über die Willkür des Turkmenbashi zu entwerfen (Staatsoberhaupt Niyazov lässt sich Turkmenbashi rufen, Führer aller Turkmenen). Der andere, der Velofahrer, brachte nach seiner Rückkehr nichts mehr ausser einer Warnung an alle Verwirrten mit dem Ansinnen, das Land mit dem Rad zu durchqueren, zu Papier: Don’t do it. Don’t! do! it!

Wir tun es nicht. Jedenfalls nicht mit dem Velo. Wir wollen Turkmenistan mit Bus und Zug durchqueren, denn auch uns hat man nur ein 5-Tage-Transitvisum

 


gewährt. Wir können deshalb gelassen in das mörderisch heisse, diktatorisch regierte, umweltverschmutzte, mausarme Wüstenland einreisen. Unter anderem sind wir gespannt auf die allgegenwärtigen Plakate mit Turkmenbashis Portrait, die – so lautet unsere Lieblingsgeschichte – vor einiger Zeit alle handretouchiertwerden mussten, weil der Bashi sein angegrautes Haar über dem bleichen Gesicht in dynamisches Schwarz umfärben liess.

 


Gold

 

Bei Saraghs überqueren wir das Flüsschen Tedzhen – kurz bevor es in den Turkmenbashi(!)kanal mündet – wir füllen Formulare aus und schauen zu, wie die turkmenischen Grenzposten ihrerseits Formulare ausfüllen, die sie dann an andere Grenzposten weiter leiten, die mit den Angaben Formulare ausfüllen. Und dann sind wir drin, in Turkmenistan.

Weites Steppenland empfängt uns mit scharfem Gegenwind. Um in das Grenzdorf zu gelangen fahren wir eine kilometerlange Schlaufe, überqueren bei einem handbetriebenen Übergang die Bahngeleise und trinken schliesslich in einer sehr einfachen Bar unser erstes Bier. Fast fühlen wir uns zu Hause, unser bescheidenes Russisch, das hier jeder spricht, ist eben doch um vieles besser als unser Persisch. Die Kinder, die uns sofort umringen, sind bunt gekleidet, haben offene Gesichter, sind laut und frech — das tiefreligiöse und ernste iranische Mashad liegt endgültig hinter uns. Alles scheint hier im Kontrast dazu Farbe und Leben – die Frauen tragen knöchellange Gewänder in .

  intensivem Rot, Grün, Gelb, Violett, dazu Kopftücher, nicht, um sich zu verhüllen, sondern als Schmuck. Manche Männer tragen auch im Sommer die landesübliche Fellkappe – und bei beiden, Männern und Frauen, blinkt beim Lachen eine Reihe von Goldzähnen im Sonnenlicht. Wir werweissen bis zum Schluss, ob die Leute Gebisse tragen oder einzelne vergoldete Stiftzähne. Die Quote steht bei 1:3 für Stiftzähne. Fragen können wir nicht. Dazu reicht unser Russisch dann doch nicht ausWir übernachten in einer Ein-Dollar-Herberge, von der Art, wie sie nette Reiseführer als «very basic» ausgestattet beschreiben. Die Matratzen drohen beim Hinlegen über dem Kopf zusammenzuschlagen, das Klo empfehlen wir nur Apnö-Tauchern, die dank jahrelangem Training fähig sind, die Luft minutenlang anzuhalten, ohne ohnmächtig zu werden. Immerhin lässt sich die Tür mit einem Backstein zuschieben. Doch bevor wir uns in dieser Nacht im Bett den Mücken zum Frass vorwerfen, essen wir unsere ersten Camcas in Zentralasien und schauen noch kurz bei einer Hochzeitsfeier vorbei.

Worum sich alles dreht

 

Die Camcas, die wir an diesem Abend vor einem einfachen Restaurant verspeisen – vor, nicht in, denn an den Geruch aus einer Mischung von säuerlicher Milch und Fleisch können wir uns nicht gewöhnen – diese Camcas also, sind im Rückblick eine Art Taufe. Camcas sind einfache Teigtaschen gefüllt mit Schaffleisch und gedämpften Zwiebeln. Niemand bereist Zentralasien, ohne irgendwann an Camcas zu geraten. Camcas gibt es überall, auch dort, wo es sonst nichts gibt. In ihrer Softversion schmecken sie gar nicht schlecht, in der Hardcoreversion (inklusive Fett, Knochen, Haut und Haar) hauen sie einen um. Der Bocksgeschmack ist zuviel für unsere verzärtelten Westlermägen, umso mehr, wenn diese schon angeschlagen sind. Und das sind sie.

 

Die Verdauung ist es, worum sich beim Velofahren alles dreht. Und zwar von der Energiezufuhr – Wo finden wir Wasser? Wie kommen wir zuausreichend Kalorien? – bis zum Endprodukt – Wie steht es um Farbe, Konsistenz und Frequenz?
Diese Fragen diskutieren Velofahrer in gesundem Zustand gelegentlich. Diese Fragen diskutieren Velofahrer, die unter Erbrechen und Durchfall leiden, ohne Ende. Seit wir die Osttürkei erreicht haben, sind Bemerkungen von der Art: «Wie Wasser?» «Dreimal, diese Nacht, oben raus» – «Immer noch Brei?» und mitfühlendes Schulterklopfen unser Alltag. Wir wissen nicht, woran es liegt, immer wieder legt es einen, eine von uns flach. Allmählich streichen wir so konsequent wie möglich alles, was nicht gekocht oder geschält werden kann, vom sowieso schon karger werdenden Speiseplan. Doch um das Benutzen des schlecht abgewaschenen Geschirrs in den Restaurants kommen wir kaum herum. Und letztlich helfen nur Antibiotika. Oder täte es auch ein Glas Wodka nach dem Essen?


Wodka

 

An der Quelle wären wir hier. An unserem ersten Abend in Saraghs landen wir irgendwie an einer Hochzeit. Seit wir unterwegs sind, landen wir immer irgendwie irgendwo, und deshalb staunen wir nicht lange darüber, dass wir kurz nach unserer Ankunft mit heftig gestikulierenden Männern und heiser lachenden Frauen an einem reich gedeckten Tisch in einem Hinterhof sitzen. Einer fuchtelt mit der Wodkaflasche herum, wir sollen mitsaufen, weshalb so schüchtern, los jetzt, auf das Brautpaar. Am Nebentisch

 

kippt einer zum dritten Mal vom Bank klettert zum dritten Mal wieder hoch. Wir sind im Land der Alkoholterroristen. Im Internet chatten übel zugerichtete Asienreisende zu diesem ernsten Thema – zum Mittrinken genötigt landeten sie besinnungslos unter dubiosen ex-sowietischen Tischen. Darauf haben wir keine Lust. Und schliesslich haben wir ein gutes Argument. Wir sind «spartsmien» – Sportler, und die durften auch in der Sowietunion nicht saufen. Oder zumindest nur wenig, meinen wir.


Bus, Zug

 

Am nächsten morgen besteigen wir ohne Kater den Bus nach Mary. Unsere Räder dürfen wir nach wüstem Fluchen des Chauffeurs auf zwei Passagiersitze verladen. Damit beschäftigt, verpassen wir, wie sich der Bus füllt und füllt und füllt und schliesslich nur noch Steh- und Bodenplätze für uns und dreissig weitere Mitreisende übrig bleiben. Alle ducken sich auf Kommando des Fahrers, wenn wir einen Polizeiposten kreuzen. Ohne eine Busse wegen Überladens zu bezahlen oder seinen Führerausweis zu verlieren, erreicht der Chauffeur gegen mittag mit uns die Stadt Mary. Dort wollen wir in den Zug umsteigen und noch am selben Tag nach Turkmenabat kurz vor die usbekische Grenze reisen. Im proper glänzenden Bahnhof mit Turkmenbashiplakat warten wir, bis uns ein Mann in Uniform, den Gummiknüppel lässig gegen den Oberschenkel tippend, ins Hinterzimmer beordert. Registrazia. Eine echte, im Gegensatz zu den zahlreichen Kontrollen und Registrierungen, die wir später noch erleben werden, und die der reinen Unterhaltung der Polizisten oder Militärs zu dienen scheinen. Er überträgt

 

säuberlich unsere Namen, Passnummern in ein breites Buch. Beatrice? Der Mann lacht röhrend: «Beatrice Dalle» – weshalb er den Namen der - ziemlich vergessenen - französischen Schauspielerin kennt, erfahren wir nicht.

Und dann kommt der Zug. Auch nach fünf Monaten vielfältiger Reise können noch Bilder und Vorstellungen im Kopf hocken, die sich beim Zusammentreffen mit der Realität als recht lustig erweisen. Ein Zug ist ein Gefährt mit gepolsterten Sitzen, Rollos vor den Scheiben gegen die Sonne, klimatisiert im besseren Fall. Fahrkarten werden nur soviele verkauft, wie es Sitze hat, und der Zug bringt einem bequem und schnell ans Ziel. Was wir taschenschleppend besteigen, ist ein dampfender Container mit Pritschen an den Wänden, die sich von der Hitze gelähmte Frauen, Männer, Kinder mit Kakerlaken teilen. Im Flur heizt der Samovar zusätzlich, es riecht nach Schweiss, nach Wodka und nach Würsten, die Frauen mit durchdringender Stimme anpreisen. Bis Turkmenabat sind des sieben Stunden.


– und Taxi

 



Nach einer teuren Nacht in einem ehemaligen Soviethotel (mit Turkmenbashiplakat) verlassen wir Turkmenistan am nächsten morgen mit dem Taxi. Wir wollen nicht unsere Vorsätze über den Haufen werfen und hier doch noch Velo fahren. Nach harten Preisverhandlungen liefern sich die drei Taxis, die wir für uns, unser Gepäck und die Räder benötigen, eine Rally zur usbekischen Grenze. Simus fahrer bringt sich mit Rammstein-Sound

 

zusätzlich in Stimmung. Wir brettern durch grünes Landwirtschaftsland, bewässert mit Wasser, das aus dem Amu Daria abgeleitet und über den Amu Bukhara-Kanal in der Region verteilt wird. Wasser, das im Aralsee fehlen wird und das über Turkmenistan hinaus auch das angrenzende usbekische Gebiet fruchtbar macht.

Und so verlassen wir rasant ein Land, von dem wir im Grunde wenig gesehen und doch viel erlebt haben. Wir haben die nervtötende Bürokratie erfahren, fette Autos und schicke Repräsentationsbauten neben ärmlichen Hütten stehen sehen, den Wodka an jeder Ecke wirken gespürt, viel Neugierde, Hilfe und Herzlichkeit erlebt. Und Turkmenbashis Haar auf den Plakaten? es ist wirklich schwarz.