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| Geschichten,
Geschichten, Badefreuden und ein Erdbeben
Türkei zweiter Teil
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Von jetzt an sind sie unsere Gäste, hatte ein türkischer Mann
(neben unserem ersten Atatürkdenkmal stehend) an der Grenze zu uns
gesagt. Wie abgrundtief recht er damit hatte, das erfahren wir spätestens
ab Kayseri. Es genügt,
dass wir unsere Fahrt – auf flachem Gelände übrigens zwanzig
Stundenkilometer und mehr im Durchschnitt, am Berg vielleicht sechs –
es genügt also, dass wir diese Fahrt kurz unterbrechen, und die Geschichten
entwickeln sich ohne unser Zutun. Wir
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stehen als Gäste im Mittelpunkt. Das ist häufig berührend
und schön, das kann nervtötend und anstrengend sein.
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Osttürkische Geschichten 1
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| Kayseri verlassen wir mit
einem Frühstuck im Bauch, das ein Tankstellenbesitzer, ein Polizist
und ein weiterer Mann selbstverständlich mit uns geteilt haben. Tee,
Frischkäse, Oliven, Brot und Tomaten, und dabei wollten wir nur kurz
auf die Karte gucken. Dann ruft der Tankstellenwart noch seinen Vater
an, der englisch kann: Herzlich willkommen in der Türkei! Nein, sonst
ist nichts besonderes. Wir sind gerührt.
Am selben Tag legen wir die erste wirklich einsame Etappe zurück.
Die Strasse führt uns auf ein Hochplateau, karge Ebenen und Hügel
auf beiden Strassenseiten. Autos kommen selten. Wir atmen auf. Der türkische
Verkehr.
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Nein, an unserem Urteil
darüber können auch sämtliche warmen Gefühle, die
wir sonst für dieses Land empfinden, nichts ändern: die Türken
fahren wie die Idioten. Hupen und voll drauf. Bremsen scheint unmännlich
zu sein.
Die Hitze, die Steigungen, sie zehren. Wir sind erschöpft, als wir
am folgenden Abend in ein Dorf mit dem schönen Namen Yazyurdu gelangen.
Der erste Mann, den wir um einen Zeltplatz fragen, ist ein Geschäftsmann.
Eine Packung Marlboro Gold für einen Platz auf dem Feld hinter dem
Geräteschuppen. Wir kommen noch nicht dazu unsere Zelte aufzustellen,
da erscheinen zwei
Mädchen und ein Junge mit Wasser, Fladenbrot und einer Einladung,
uns auf
dem Grundstück ihrer Familie einzurichten. Wir nehmen gerne an und
erleben einen Abend mit wilden türkischenglischdeutschen Gesprächen,
Hammelfleisch und Joghurt, Fotosession und Krankenbesuch bei der alten
Grossmutter.
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Osttürkische Geschichten 2
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Wie anders die Gefühle, die da zurückbleiben, als jene am folgenden
Abend. In Darende stossen wir bei der Ankunft züfallig auf einen
Journalisten
und einen Fotografen. Wieder erschöpft, ja, wir haben die Bergroute
gewählt. Deshalb vielleicht sind wir zu wenig klar im Kopf, um abschätzen
zu können, was unsere «Gastgeber» mit uns vorhaben: Ein
Bild, abgemacht – doch schliesslich lassen wir uns wie die Lämmer
vor sämtlichen lokalen Sehenswürdigkeiten ablichten, Infos zu
unserer Reise interessieren nicht. Was erscheinen wird, ist eine Bildergeschichte:
vier Schweizer in der Schlucht, vier Schweizer vor dem Wasserfall, vier
Schweizer vor dem
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Minarett, vier Schweizer
beim Forellenessen.
Vier Schweizer finden die Sache spät am Abend im Rückblick ziemlich
doof.Am nächsten Tag weiter Richtung Malatya, in die Aprikosenstadt.
Die Strasse wird nicht flacher. Im Gegenteil. Wir beeindrucken sogar die
türkische
Rennradmeisterin. Mit ihrem Team, Trainer und drei weiteren Radlerinnen,
kreuzt sie uns in der Mittagshitze. Die Fraün sind auf dem Weg zu
einem
Rennen (das wir uns später ansehen werden). In der ganzen Türkei
gibt
es nur vierzig Rennradlerinnen. Der Bursa Bayan Bycicle Club, zu dem die
vier gehören, besteht erst seit zwei Jahren. Die Meisterin bereitet
sich
enthousiastisch auf den Balkancup vor.
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Was sollen wir tun? Weiter schlafen.
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| Endlich in Malatya. Hierher
hat der Mann vom Istanbuler Reisebüro unsere
Pässe mit den turkmenischen Visa geschickt. Alles klappt. Wir ruhen
aus.
Bis morgens um fünf, als Hugo und Bea im dritten, Simu und Sarah
im zweiten Stock des Hotels geweckt werden. Die Betten vibrieren, von
den Wänden rieselt der Verputz. Die nachtschlafenen Gespräche
spielen sich etwa gleich ab: Das ist wohl ein Erdbeben. - Mhm, ja, ein
Erdbeben. - Was meinst du, was sollen wir tun? ? Weiter schlafen. - Gut,
weiter schlafen.
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Beim Frühstuck lachen
wir, denn passiert ist nichts. Tage später sehen
wir in der Stadt Bingöl, was passiert, wenn etwas passiert. Am 1.
Mai erschütterte ein Erbeben der Stärke 6,4 die kurdische Stadt.
Achtzig Kinder kamen allein ums Leben, als das Schulgebäude einstürzte.
Ein Grossteil der Bevölkerung lebt in Notwohnungen, Zelten, die der
türkische Rote Halbmond zur Verfügung stellt. Wir werden grob
daran erinnert, dass die Leute hier mit einem daürnden Erbebenrisiko
leben müssen. Unverständlich ist auch für die Bewohner
hier, weshalb die Häuser nicht dem entsprechend gebaut werden.
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Beim Bade
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| Hügel, Hügel, Hügel.
Und irgendwann sind wir in Hamamlar, einem Dörfchen,
das zu einem guten Teil von seinen heissen Quellen lebt. Das gönnen
wir uns. Ab ins Bad.
Was ist es denn nun, was dieses türkische Frauenhamam so rabiat von
jedem Schweizer Bad unterscheidet? Sind es nur die Kleider? Viele Frauen
tragen Unterwäsche, manche Unterröcke, die Brüste bloss
oder nur eine davon durch einen verrutschten Büstenhalter bedeckt.
Sie sitzen am Beckenrand und rauchen, eine Frau massiert der andern den
Bauch, sie verzerrt vor Schmerz das Gesicht. Eine Alte springt kreischend
und mit rotem
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Gesicht in das 45Grad heisse Wasser. Mädchen, Frauen, Greisinnen strecken
die Hände nach uns aus. Berühren uns am Rücken, am Bauch.
Eine kräftige dunkle Frau nähert sich mit Seife und Waschtuch,
als wir unter der Dusche stehen. Denkt sie, die dunklen Streifen, die
die Radlerhosen auf unsere Oberschenkel gezeichnet haben, seien Dreck?
Sich gegen ihr energisches Schrubben zu wehren ist jedenfalls zwecklos.
Wir verlassen das Bad nach einer knappen Stunde – wie durch die
Mangel gedreht. Und doch mit Freude, Einblick in eine Frauenwelt erhalten
zu haben, die uns sonst verborgen bleibt.
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Osttürkische Geschichten 3
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| Immer noch haben wir wenig Kontakt mit
Frauen. Wenn sie denn überhaupt dabei sind, wenn wir eingeladen werden,
sprechen sie meist kein Deutsch und kein Englisch. Immer aber werden wir
herzlich auf die Wangen geküsst, hier, das spürt man, wird man
als Frau in den Kreis der Frauen sofort aufgenommen.Spätestens seit
Elazig befinden wir uns in Kurdengebiet. Alle paar Kilometer fahren wir
an Stationen der Militärpolizei vorbei, Panzerwagen kreuzen uns auf
der Strasse, mehrmals kontrolliert man unsere Pässe. Wie genau die
Situation der Kurden in der Türkei heute ist,
bringen wir nicht in Erfahrung. Besser, sagt man vage. Und der Kaymakam,
der uns im Dörfchen Cat zur Audienz in sein Büro bittet, spricht,
unter seinem
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Atatürkporträt sitzend, vor allem von der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe,
die er hier zu leisten habe. Ein Kaymakam ist eine Art Statthalter, der
von der Regierung in Ankara in den Osten des Landes gesandt wird. Was
wir in seinem Büro wollten? - Es wäre eine von hundert weiteren
Geschichten, die wir aus der Türkei zu erzählen hätten.
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