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| Ein türkischer
Zahn, ironische Händler, bayerische Gespräche und viel
Sightseeing – Türkei erster Teil |
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| An der bulgarischtürkischen Grenze
steht er, majestätisch, in Stein gehauen. Im Buero des Grenzarztes,
der gelangweilt unser SARS Risiko abklärt, hängt sein Porträt
in Kohle. Es gibt ihn in Gold, in Plastic, in Teppiche gewoben und auf
Berghänge gemäht. Als Brustbild, im Profil oder reduziert auf
seinen stechenden Blick: Atatürk ist überall. Mustafa Kemal
Atatürk, der Begründer des modernen türkischen Staates,
wird von Istanbul bis Dogubayazit überdeutlich |
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sichtbar für die Gründung der
Republik und seine Reformen verehrt.
Wir persönlich verehren ihn vor allem für seine Sprachreform.
In den zwanziger Jahren liess Atatürk das arabische durch das lateinische
Alphabet ersetzen, so dass wir zumindest während des nächsten
Monats noch alle Land, Speise und Visitenkarten lesen können. Lesen,
nicht verstehen. |
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Ein türkischer Zahn
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| So stehen wir am Abend des
19. Juni am Istanbuler Busbahnhof und versuchen auf den Verkehrsschildern
zu lesen, welches davon ins Zentrum der 12 Millionenstadt weist. Die ersten
Kilometer im Land, in Radlerzeitrechnung rund drei Tage, haben wir bequem
im Bus zurück gelegt. Bequem, nicht freiwillig. Ende Bulgarien biss
Bea in einen Sesamcaramelkleberstengel (ein italienisches Produkt, das
wir als Notzuckerzufuhr seit Como mit uns führten), danach war ein
Stück Zahn weg und die Freude auch. Deshalb der Bus. Um möglichst
schnell mit der schmerzhaften, langwierigen Behandlung zu beginnen...
Mit der jungen Zahnärztin n der Deutschen Klinik von Istanbul kam
die Freude allerdings wieder: eine Stunde, wir flicken ihn sofort, nein,
das ist kein Problem. Unaufgeregt,
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unbürokratisch. Ihr
sollte man ein Denkmal setzen.
Doch das wissen wir noch nicht, als wir an diesem Abend nur eines wollen,
in diese Stadt hinein, in ein Hotel. Schliesslich hilft uns ein Dutzend
hilfsbereiter Türken unsere Fahrräder eine steile Böschung
hinauf über die Leitplanken auf die dreispurige Autobahn zu hieven.
Doch, das ist der reguläre Weg. Danke gern geschehen.
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Can I help you to spend your money?
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| Wenn man in Istanbul nicht
auf der Autobahn Fahrrad fährt oder auf dem
Zahnarztstuhl liegt, dann zerrt die Stadt in alle Richtungen an einem.
Karten kaufen, Tee trinken, Teppiche kaufen, Museen besichtigen, über
den Bosporus touren, Tee trinken, Moscheen besichtigen, für alles
gibt es Führer, Verkäufer, Begleiter. Und für Bedrängte,
die sich aus den Fängen allzu aufdringlicher Anbieter befreien wollen,
gibt es die Tourism Police, die ständig vor den Sehenswürdigkeiten
patrouliert. Wir haben keinen Bedarf. Im Gegenteil, wir finden, manche
Händler betreiben ihr Geschaeft mit einer Ironie, die sie sehr sympatisch
macht. Can I help you to spend your money, fragt einer, als wir an seinem
Verkaufsstand vorbei gehen.
Auf unserem Sightseeingprogramm stehen die Blaue Moschee, die Aya Sofia
(christliche Kirche, die in eine Moschee umgebaut wurde) sowie der |
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Sultanpalast Topkapi. Den Rest unserer Zeit widmen wir ausgedehnten Bustouren
zur usbekischen Botschaft und ebenso ausgedehnten Verhandlungen mit einem
Reisebüro, das uns turkmenische Visa besorgen will. Zur Erholung
ziehen wir uns von Zeit zu Zeit in unsere Hotelzimmer zurueck und gucken
die weissen Wände an. Nach einigen Tagen entdecken wir die weniger
touritischen Stadtviertel und wissen mit der Zeit, wo man uns erstens
nicht abzockt und zweitens in Ruhe lässt, wenn wir einen Tee, einen
Kaffee trinken wollen. |
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Man spricht deutsch
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| Nach zehn Tagen Istanbul freuen wir
uns, am Tuz Gölü, einem Salzsee südlich von Ankara, wieder
in die Radlerhosen zu steigen. Von Istanbul nach Ankara sind wir mit dem
Zug gereist. Wir können jetzt abschätzen, dass wir längere
Strecken mit Bus oder Zug zurück legen müssen, wollen wir den
Zeitplan einhalten, den uns die Visa von Iran bis China vorgeben.
Wir übernachten in Sereflikochisar, einer kleinen Stadt an der Ostseite
des Sees. Der Wirt im Restaurant, wo wir abends essen, begrüsst uns
auf deutsch. Er ist der erste von unzähligen Männern, die uns
quer durch die Türkei auf deutsch ansprechen werden, manchmal mit
deutlich erkennbarem Akzent, Bayrisch |
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wirkt besonders seltsam. Siebzig Prozent
aller arbeitsfähigen Männer in Sereflikochisar hätten ihr
Brot während mehrerer Jahre in Deutschland verdient, erzählt
der Wirt. Er selbst habe zwanzig Kollegen vermittelt. Die Männer
reisen dörferweise in dieselben Regionen Deutschlands, Österreichs.
Ihre Erzählungen geben uns eine Ahnung der Lebensgeschichten, in
denen es normal, oder zumindest keine erkennbar dramatische Sache zu sein
scheint, dass die Familie über mehrere Länder verteilt lebt.
Deutlich spürbar wird aber, dass die Türkei jetzt mit Kraft
westlichen Standard erreichen und EUMitglied werden solle. Der Wirt in
Sereflikochisar verspricht sich davon mehr soziale Gerechtigkeit. |
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Männergeschichten, Frauengeschichten
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| Die Geschichten, die wir hören,
sind Männergeschichten. Wir sind in einem islamischen Land, und je
weiter gegen Osten wir reisen und je ländlicher das Gebiet, desto
seltener treffen wir auf Frauen, in Hotels, in Restaurants, in Läden,
auf der Strasse. Keine Frau würde uns je ansprechen und Hilfe anbieten,
uns zum Tee einladen, so wie es die Männer alle paar Meter tun. Und
noch befinden wir uns nicht im Gebiet, das unser Reiseführer als
sehr konservativ beschreibt.
Den konservativsten Bewohner der Region treffen wir allerdings an in
einem Mann, der mit röhrendem Motorrad auf uns zu fährt, als
wir am Strassenrand einen Schluck Wasser trinken. Er stoppt vor Simu und
deutet auf Sarahs nackte Füsse in den Sandalen. Gestikuliert wild.
Reisst sich die Socken von den bleichen Füssen und drängt sie
Simu in die Hand. Gestikuliert wieder. Gibt Gas. Fährt ab. Etwas
irritiert lassen wir uns später von |
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einer türkischen Radlertruppe,
unter ihnen eine Frau, bestätigen, dass es für uns Frauen schon
OK ist, in kurzen Hosen und mit blossen Füssen zu fahren und die
Langen nur bei Stops in Städten und Dörfern anzuziehen.
Noch ist die Frage, ob wir verheiratet oder nur Freunde seien nicht
in jedem Gespräch unvermeidlich. Es scheint dafür eine Grenze
zu geben, die ungefähr bei Göreme, Kappadokien liegt. Gut, finden
Hugo und Bea dort endlich noch Ringe, die ihnen gefallen. Denn selbstverständlich
sind wir jetzt verheiratet. Mindestens bis Ende Iran. |
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Täler und Berge
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| An das Fahren in kurzen Hosen halten
wir uns gerne. Die Hitze wird stechend, zwischen fünfunddreissig
und vierzig Grad heiss ist es am Tag. Die lange Pause in Istanbul hat
uns etwas schlapp gemacht. Ausserdem wird das Gelände zunehmend gebirgiger.
Wir haben uns für eine andere Route als geplant entschieden. Vom
Tuz Gölü fahren wir südlich ins IhlaraValley, einem bis
auf wenige Meter vor dem Abgrund nicht erkennbare Schlucht. Im Fels auf
beiden Seiten des idyllischen Flussgrunds liegen zahlreiche Höhlenkirchen
aus byzantinischer Zeit, deren Fresken allerdings zu einem grossen Teil
zerstört sind. Fast allen Heiligen wurden die Augen ausgekratzt.
Wir sightseen einen Tag im Valley und setzen unseren Weg dann fort Richtung
kappadokischer Felslandschaft, ebenfalls eine Touristenattraktion. Über
Menschenmassen brauchen wir uns allerdings nicht zu beklagen. Weder Derinkuyu,
wo wir eine |
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Undergroundcitybesuchen, noch Göreme,
das Zentrum Kappadokiens, werden von Touristen gestürmt. Rund sechzig
Prozent weniger Besucher hätten sie im Jahr des Irakkriegs, erzählt
ein Restaurantbesitzer im Ihlaratal.
Bevor wir die Felswunderlandschaft von Göreme Richtung Kayseri endgültig
verlassen, überwinden wir bei Ürgüp den steilsten Hügel
unseres Lebens. Die Türken, das ahnen wir und später werden
wir darin bestätigt, bauen ihre Strassen direkt vom Hügelfuss
zur Spitze, alles andere, so scheint es, wird als unnötiger Umweg
empfunden.
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