Mit dem Zug von Shanghai und Peking über Moskau nach Berlin und von dort mit dem Velo zurück nach Bern
Zurück kommen
Nun ist sie wieder eingeräumt, die Wohnung. Ein Platz für den Computer gefunden. Und so kann man sich endlich hinsetzen und erinnern und erzählen, wie wild es in Shanghai wirklich zugeht oder was die Passa-giere in der Transsib den ganzen Tag tun. Und wie es ist, wenn eine lange Reise zu Ende geht.

 

Shanghai

Irgendwer hatte uns erzählt, dass irgendein europäischer Veranstalter neuerdings Wochenendflüge anbiete nach Shangai. Für ein paar hundert Dollar zu den wildesten Parties auf dem Planeten. Je heftiger der Kulturschock einfährt, desto besser. - Wir fahren wie gewohnt mit dem Velo, hinein in die Vierzehnmillionenstadt, nachdem wir mit dem Zug von der vietnamesischen Grenze gekommen sind. Vorbei an Gestalten, die bei zehn Grad minus vor dem Bahnhof übernachtet haben. Es sind Träger, die die Frühzüge nicht verpassen wollen. Auf sehr sauberen Strassen fahren wir durch Geschäfts- und Shoppingviertel zum Konservatorium für Musik. Dort soll es die günstigsten Doppelzimmer geben. So ist es. Während der zwei folgenden Wochen schlafen wir abends ein zu Flötenmusik und erwachen beim Klang der chinesischen Geige. Unsere Zimmer liegen direkt neben dem Raum zweier Afrikaner aus Eritrea, die auf wundersame Weise zu Stipendiengeldern gekommen sind. Jetzt lassen sie sich im boomenden Shanghai zu Dirigenten ausbilden. Nein, vorher hätten sie nicht unbedingt etwas mit Musik zu tun gehabt, erzählen sie. Und grinsen breit.

Es ist kalt in Shanghai. Wir gehen los, getrennt, um uns eine Daunenjacke zu kaufen, wie sie hier alle tragen. Insgeheim fühlt sich wohl jeder von uns in seinen bunten Trekkingkleidern wie ein Wanderer mit roten Socken bei der Vernissage im Kunstmuseum: Wir kaufen alle schwarze Jacken. Und müssen - Strafe für unsere fehlende Fantasie - nun im Doppelpartnerlook auf die Strasse.

Wo sind sie, die wilden Parties? Wir finden sie nicht, die aufregenden Clubs. Wir suchen nicht allzu lange, zugegeben. Doch deutet nichts auf ein spannendes Shanghaier Nachtleben hin.

 

Es gibt kein Ausgehmagazin und in mehreren Lokalen, die auf Plakaten für ihr Nightlife werben, spielt dieselbe Philipino-Coverband. Auch die Kunstszene zeigt sich völlig anders als wir dachten: Wir hatten gehofft, im Museum für zeitgenössische Kunst die Arbeiten der chinesischen Avantgarde zu sehen. Statt dessen erwartet uns dort Ona B. - Eine Oesterreicherin, die sich gerne selbst in roter Robe fotografiert, den Pfeilbogen vor dem nackten Oberkörper gespannt. Oder mit einem roten Leintuch an einen nackten Chinesen gewickelt - auf der chinesischen Mauer stehend. Aktuelle Kunst aus ‚Europe', sagt der Begleittext dazu. Wir sind erschüttert.

Was für uns Shanghai trotzdem zu einer erstaunlichen und futuristischen Stadt macht, ist die Stadt selbst. Sie wächst in rasendem Tempo. Sie wächst in den Himmel und sie wächst über das Land. Innerhalb der letzten zehn Jahre entstand vor der ehemaligen Businessmeile ‚Bund' auf der andern Seite des Huangpu River der Stadtteil Pudong. Hier verschwinden fast täglich ehemalige Reisfelder unter Wolkenkratzern - hier macht sich der Jinmao Tower wichtig, der zweitgrösste Turm der Welt. Hier stehen Hotels, Wohnghettos für Expats (Ausländer, die für ihre Firmen den Absatzmarkt China bearbeiten) und Wohnblöcke für Chinesinnen und Chinesen, die hier aber (noch) nicht wohnen. Ist es Wohnraum für Leute, die von der Regierung umgesiedelt werden? Wir wissen es nicht, doch mutet uns diese Gegend gespenstisch an. Steril, am Bürotisch geplant und so fern von allem, was wir an chinesischer Lebensart kennen gelernt haben. Da wirkt es nur noch skurril, wenn in einer alten Seitenstrasse, auf einmal bunte Wäsche zum Trocknen hängt und irgendwo ein Huhn davon flattert. Leben wie aus einem andern Jahrhundert


 

Peking

Eine Woche später in Peking: dieselbe Geschichte und doch ein ganz anderes Bild. Peking ist Regierungsstadt. In Peking liegt der Tiananmenplatz, wo Ende der achtziger Jahre während Protestdemonstrationen Hunderte von chinesischen Studenten umgebracht wurden. Er erinnert an das restriktive China, das sich über die Menschenrechte hinweg setzt. An eine Regierung, die jährlich Tausende von Todesstrafen anordnet und die Internetcafés schliessen lässt aus Angst vor fremden Einflüssen. Gleichzeitig baut sich Peking ebenso rasch um wie Shanghai: Man erzählt uns, dass die Dreizehnmillionen-stadt in zehn Jahren achtzig Millionen Einwohner haben soll. Peking ist stolz darauf, dass die olympischen Spiele 2008 hier stattfinden werden. Man will sich dann modern zeigen und deshalb werden die traditionellen alten Stadtteile, die Hutongs, ohne Zögern platt gemacht. Die Taxifahrer, die uns zu einem bestimmten Hotel bringen sollen, krümmen sich vor lachen: Einen Reiseführer aus dem Jahr 2002 habt ihr? Werft ihn weg, er ist nichts mehr wert! Die Strasse, die ihr sucht, gibt es nicht mehr.

Während der nächsten zehn Tage besichtigen wir, was den Abriss überleben wird: Die Forbidden City, die kaiserliche Stadt inmitten Pekings, den Temple of Heaven, die Grosse Mauer - und unzählige riesige Shopping Malls. Und wir essen Peking-Duck mit Austin, unserem Mann in Peking.

 

Bald ein Jahr ist es her, seit er uns in seinem ersten Brief kurz vor Beginn der grossen Reise schrieb: We congratulate you to your journey. We think you are all heroes!

Sind wir das, Helden? Peking lässt uns wenig Zeit, darüber nachzudenken, dass unsere Reise nun langsam zu Ende geht. Dass man, wenn man wollte, sich nun über Enden und neue Anfänge Gedanken machen könnte. Was werden wir mitbringen, wenn wir zurück kommen? Zwei Klappvelos, mehrere Seiden-pyjamas, ein Dutzend blinkender Feuerzeuge, Ess-Stäbchen und einen Wecker, auf dem Mao unermüdlich winkt. Soviel ist sicher. Doch versuchen, die Tiefe des Erlebten, des Erfahrenen zu Sätzen zu verdichten? Noch nicht. Neu ist vorerst, dass zu unserem Alltag häufiger kurze zurückgezogene Momente gehören, in die ab und zu einer von uns versinkt.

Wieder einmal sind wir zudem heftig am Organisieren. Unsere Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn will gebucht sein, die Pakete mit den Geschenken müssen zur Post und auch die neuen Klappvelos. Keines der coolen Elektrobikes überigens, die in China so günstig zu haben sind. Bei der Vorführung im Hotel verlor der arme Verkäufer sein Gesicht: Das in Frage kommende Rad verwandelte sich auf Knopfdruck nicht in einen eleganten Flyer, sondern blieb wie ein gewöhnliches, dummes Minivelo mitten in der Hotelhalle stehen.

 


 

Auf der Transsib

Und dann kommt der Tag, an dem uns Angel zum Zug bringt, mit dem wir Asien verlassen. Angel arbeitet beim Reisebüro, das für uns die Fahrt durch die Mongolei und durch Sibirien nach Moskau organisiert hat. Sie erledigt ihren Job professionell und knapp. Sie dreht sich nicht um, als wir ihr durchs Fenster nachschauen - ein letzter Blick zurück in unsere letzte chinesische Stadt.

Doch China bleibt uns noch für eine Woche erhalten. Unser Wagen in der Transsib ist ein chinesischer Wagen. Es riecht hier nach Cigarettenrauch und Nudelsuppe und nicht nach Alkohol wie in den russischen Waggons. Sechs Tage und fünf Nächte teilen wir mit den Chinesen Gang und Klo. Nicht den Waschraum, denn der ist abgeschlossen. Hier lagert der Provotnik (Zugbegleiter) die Ware, die er nach Russland schmuggelt. Überhaupt, dieser Provotnik. Ab und zu setzt er sich zu uns ins Abteil und lässt sich zum Beispiel, selbst praktisch unbehaart wie alle Chinesen, unter schallendem Gelächter Simus Brusthaare zeigen.

 

Wir sind zum letzten Mal umgeben von der eigenwilligen chinesischen Lebensart: Frauen, die im winzigen Klo am winzigen Lavabo jeden Tag mit eiskaltem Wasser ihre langen Haare waschen. Männer, die auf dem Klappstuhl im Gang ihre Zehennägel schneiden.

Wir lesen viel. Und preisen zum ungezählten Mal im Geist Eva, die uns während der ganzen Reise mit postlagernden Päckchen voller wunderbarer Bücher und köstlicher Schokolade versorgt hat. Später essen wir im mongolischen Speisewagen, der rundum mit einer Art Laubsägearbeit ausgekleidet ist. Dann lesen wir weiter, gucken aus dem Fenster. Erstaunlich, wie viele Birken man erträgt, ohne dass einem langweilig wird. Erstaunlich auch, was es aus der Transsib noch alles zu sehen gibt: mongolische Reiter mit ihren Pferdeherden, Eisfischer auf dem Baikalsee, fellbemützte Babuschkas, die bei minus zwanzig Grad auf den sibirischen Bahnhöfen warme Kartoffeln verkaufen.


 

Moskau

In Moskau wartet Marlis, unsere russische Angel. Sie ist schon beinahe beleidigend uninteressiert an unserer Zugreise. Wohl kann sie nichts dafür. Sie lebt in Moskau, wo der Austausch unter Menschen ein völlig anderer ist als in Asien. Niemand schaut uns auf der Strasse direkt in die Augen. Herzlichkeit und Interesse kommen durch dicke Fellmäntel schwerer an die Oberflläche. Wir packen unsere schwarzen Daunenjacken aus.

Den Kreml zeigt man uns nur halb - Russland steht vor den Präsident-schaftswahlen. Die Sicherheitsvorschrif-ten sind streng. Vor wenigen Wochen ist in der russischen U-Bahn eine Bombe explodiert. Wir denken daran, als wir auf der Rolltreppe dicht gedrängt in die Tiefe fahren, um die berühmten Stationen zu besichtigen.

Die U-Bahn liegt tief unter der Erde, so tief, dass sie im Notfall als Bunker benutzt werden könnte. Die Rolltreppen sind lang und steil und fahren dermassen schnell, dass wir beim Aufsteigen jedes Mal um die Knochen der Moskauer Grossväter und Grossmütter fürchten.

 

In engen Glasverschlägen am Treppen-ende sitzen denn auch Frauen mit dicken Brillengläsern, vor sich einen Hebel, mit dem sie die Treppe anhalten könnten, sollten die Passagiere auf der rasanten Fahrt durcheinander purzeln.

Dann der Rote Platz - hier landete Mathias Rust mit dem Flugzeug, der sitzt jetzt im Gefängnis, hat eine Frau mit dem Messer angegriffen. Die St. Basil-Kathedrale - hier stand immer Werner van Gent, wenn er aus Moskau berichtete. Was der wohl heute macht? Und dann die dicken Autos überall in der schicken Innenstadt. In Deutschland werden pro Jahr 700 000 Wagen geklaut und im Osten verdealt.

Die Zeit, sie läuft. Noch einige letzte Mitbringsel aus dem Kosmonauten-museum: Juri Gagarin als Poster, Juri Gagarin als Puzzle. All-Hund Laikas Raumanzug, zum Beispiel als Schlüsselanhänger, ist leider nicht erhältlich. Und dann fährt schon der Zug nach Berlin.


 

Berlin

Wir landen sanft. Dank Karin, Jäggi und Till, die uns in ihrer Wohnung leben lassen. Dorthin können wir uns zurück-ziehen, wenn uns draussen schwindlig wird: Wir verstehen alles, was wir lesen, wir verstehen alles, was wir hören. Das hatten wir zuletzt vor fast einem Jahr. Unsere Filter sind schwach geworden,

  wir nehmen alles auf. Am Esstisch planen wir die Rückfahrt mit dem Velo. Die Fahrt nach Hause. Es ist also wirklich so. Zur zeitweiligen Zurückgezogenheit ist eine zeitweilige Aufregung gekommen. Etwa, wenn ein Mail von einem zukünftigen Arbeitsplatz eintrifft und einen andern von uns daran erinnert, dass er einen solchen noch nicht hat.

 

Mit dem Velo nach Bern

Es eisregnet in Deutschland und es gibt dort zu viele Velowege. Die sind nicht freiwillig zu benutzen, es ist ein Befehl. So zumindest schreien es uns viele verantwortungsvolle Bürger aus ihren Autos entgegen. Wir sind frustriert. Wir sind jedem Fernfahrer in seinem Lastwagen verwandter als den Freizeitbikern hier. Und trotzdem sollen wir mit diesen Zickzacklinien über die Felder fahren. Wenigstens führen wir untereinander die schönsten Streitgespräche über Radlerghettos.

 

Wie wir zu Hause ankommen wollen - darüber sind wir uns hingegen schnell einig. Wir fänden es schön, abgeholt zu werden. Nur: wann? Es bleibt uns nichts, irgendwann müssen wir den Tag festlegen. Geben wir uns für die letzte Strecke viel Zeit oder wenig? Viel. Und zwar so viel, dass zuletzt jene noch ein wenig Recht bekommen, die uns immer im Verdacht hatten, wir würden schon lange hinter einer Scheiterbeige sitzen und warten, bis wir endlich zurück kommen können... Unsere Beige ist das Appenzell, wo wir im Regen zelten und noch ein wenig über die Hügel kurven.


 

Ankommen

Das Herz wird weit am letzten Reisetag, am ersten Tag zu Hause. Das Herz, das in den Wochen der Rückkehr manchmal zittern musste. Viele liebe Leute sind

 

gekommen. Sogar solche, die man nicht erwarten konnte. Es gibt Champagner, Medaillen aus Schokolade, Kränze aus Blumen und ein Transparent - Es ist ein Empfang wie für Helden. Danke von Herzen dafür.