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| 21-09 bis 21-10-03
Osh - Karakoel - Toktogul - Ala-Bel-Pass - Toeoe-Aschuu-Pass - Bischkek
- Tokmok - Rundfahrt um den Issyk-Kul (Karakol) - Balykchy
Berge, Fluesse und Seen, Reisende, Reiter und Raeuber |
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Kirgistan gewinnt unser Herz schnell. Spätestens,
als wir uns von der Grenzstadt Osh auf der Landstrasse Richtung Norden
in die Hauptstadt Bischkek aufmachen. Noch ärgern wir uns zwar über
die ausgefranste Grenze zu Usbekistan. Sie zwingt uns zu Umwegen. Und
noch muss Simu den Anschlag verdauen, den ein hinterhältiger Räuber
mit der Rasierklinge auf seine Gesässtasche verübte. Er zwang
ihn, den berühmten Osh-Bazar frühzeitig zu verlassen, um in
einer
Nähstube darauf zu warten, dass die Hosen wieder geflickt wurden
- in Unterhosen, von den kichernden Näherinnen nur durch einen dünnen
Vorhang getrennt. Stehlen konnte der Attentäter zum Glück nichts.
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Noch also trüben einige graue
Gedanken unser Gemüt als wir dem Fluss Naryn
entlang fahren. Doch die raue Schönheit des Landes wischt sie bald
weg
wie ein kühler Bergwind die letzten Wolken am Himmel: Unter uns fliesst
träge das türkisfarbene Wasser, über uns öffnet sich
sattblau der Himmel.
Die Strasse schlängelt sich schroffen Bergseiten entlang. Immer wieder
lenken wir die Räder vorbei an grossäugigen Kühen, an Pferden
und Schafen; Viehherden, die von den Hochplateaus in ihre Winterquartiere
im Tal getrieben werden. Es ist Herbst geworden. Flach einfallende Sonnenstrahlen
überziehen das Orange, Rot, Ocker und Grün der Bäume mit
Gold. Die Luft ist klar und kühl.
Am zweiten Abend übernachten wir in Taschkoemuer, einer ehemaligen
Kohlestadt, die sich über mehrere Kilometer dem Naryn entlang zieht.
Einer Stadt auch, in der sich nach Einbruch der Nacht die Hälfte
der Bewohner torkelnd im diesigen Licht der wenigen Strassenlampen zu
versammeln scheint, das allein das Dunkel erhellt. |
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Wieder Wodka
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| Wir wollten eigentlich nicht wieder
davon anfangen, vom Alkohol. Mit der Zeit werden Säufergeschichten
öde, das wissen wir. Doch sich Kirgistan ohne Wodka vorzustellen,
hiesse ungefähr, sich die Schweiz - zum Beispiel ohne Brot vorzustellen.
Weshalb sich der kollektive Rausch im östlichsten der zentralasiatischen
-stans noch steigert, wissen wir nicht. Die Arbeitslosigkeit - Die langen
Winter - Die Ereignislosigkeit in den abgelegenen Bergtälern - Hergebracht
haben ihn die Russen, verkauft wird der Wodka in Halbliterflaschen für
ein paar lächerliche Som (kirgisische Währung). Es scheinen
keine besondern Orte oder Ereignisse notwendig zu sein, um zu trinken.
Wir stossen auf lallende junge Männer am Morgen, auf halb ohnmächtige
Hirten am Nachmittag, auf Greisinnen mit stierem Blick am Abend. Eine
andauernde Wodkafahne wallt über das Land, von den Städten über
die weiten Weiden bis hinauf zu den verschneiten Pässen.
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Doch trotz der Zahl sturzbetrunkener
Kirgisinnen und Kirgisen, die wir jeden
Tag antreffen, geraten wir kaum in mühsame Situationen. Abgesehen
von den Aufforderungen mitzutrinken, was mit kurzem Klopfen des Zeigefingers
an
den Hals bedeutet wird. Und bis auf den ledergesichtigen, irr blickenden
Reiter, der am Issyk-Kul mit der Peitsche auf den Hintern unserer zahmen
Tourenpferde eindrischt. Pferde, die wohl noch Gröberes gewohnt sind
-
ein Satz, und die Geschichte ist vergessen. Glück für uns, die
wir untrainierte Reiter bis blutige Anfänger sind.

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Die Schweiz Zentralasiens
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| Nach Taschkoemuer umfahren wir einen
Zipfel des Toktogul-Stausees, vorbei
an versunkenen Masten und einer übriggebliebenen Insel, auf der ein
einsames verwittertes Klohaus steht. Vor uns liegen der Ala-Bel- und der
Toeoe-Aschuu-Pass. Beides Dreitausender, vielleicht bereits verschneit,
vielleicht nur kalt. Wirklich kalt.

Kurz nach dem Ort Toktogul kommt uns auf dem Velo Res entgegen. Wir sollten
nicht darüber staunen, denn es passiert zuverlässig auf jeder
grösseren
Reise. Doch natürlich sind wir, am Strassenrand stehend, trotzdem
eine
Stunde lang überrascht. So schlicht funktioniert man, kaum ist man
ein
paar Tausend Kilometer weit weg: Res ist nämlich nicht irgendein
Res, sondern
einer, den Sarah kennt. Und zwar nicht und um sieben, sondern höchstens
um eine Ecke herum. Das Beste für dich, Res, wenn du hier hereinschaust!
Res wird nicht der einzige (Rad-) Reisende bleiben, den wir in Kirgistan
treffen. Das touristisch «Schweiz
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Zentralasiens» genannte Land wird
für Trekkingreisen immer beliebter. Vor allem in den Tälern
rund um den 1700 Meter hoch gelegenen Issyk-Kul (Warmer See) wird River
geraftet, gewandert,
geritten, Heli geskit, geklettert. Alles, was man in atmungsaktiven Outdoorkleidern
eben macht. Schön für uns, denn wir erleben deshalb weitere
gute Begegnungen zum Beispiel mit Chris aus Dänemark, Ward aus Belgien
und einer holländischen Viererradlergruppe, die ebenfalls auf der
Seidenstrasse unterwegs ist. Wir treffen sie in Homestays, in Privathäusern,
wo wir für wenig Geld ein Zimmer und ein Znacht erhalten. Die beste
Wohnmöglichkeit hier, es sei denn, man leistet sich einen Aufenthalt
in einem der berühmten Sanatorien:
Russische Hotelkolosse mit bis zu tausend Zimmern, in denen sich zu Sowietzeiten
wer Geld hatte massieren, saunieren, maniküren, frisieren oder den
wodkaverkaterten Magen auspumpen liess. (Das Programm stammt von der Angebotsliste
des Hauses «Aurora», das wir – für einen Tag –
gewählt haben.)

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Die Pässe
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| Der erste, der Ala-Bel, ist ein sanfter
Pass. Bis zu unserem Nachtlager
am Fluss, einer frösteligen Weide-Idylle, steigt die Strasse stetig
und nur leicht an. Bevor wir uns am nächsten Tag an das steilere
zweite Wegstück machen - ein platter Schlauch. Vielleicht der fünfunddreissigste,
vielleicht der siebenunddreissigste auf unserer Reise. Wir haben bis hierher
mit zusammengekniffenen Lippen über das elende Thema geschwiegen:
Unsere Schläuche halten nicht. Sie halten nicht. Das liegt nur zum
Teil an den Scherben - zersplitterte Autoscheiben, Flaschen - die an allen
zentralasiatischen Strassenrändern liegen. Die Misere begann bereits
in der Schweiz und lässt sich recht direkt auf zu dünne Schläuche
und rutschende Felgenbänder zurückführen.

Fluchen. Flicken. Dann endlich weiter. Die Luft wird dünner, der
Atem geht schwerer - Wir erreichen den Passübergang am frühen
Nachmittag. Früh und frisch genug, um bei Rückenwind noch weitere
sechzig |
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Kilometer über die Hochebene bis fast an den Fuss des Toeoe-Aschuu
zu fliegen. Vorbei an vereinzelten Jurten, deren Besitzer in Petflaschen
Kumys anbieten. Vergorene Stutenmilch. Hier nun gibt es sie also. Hier
nun könnten wir sie versuchen - Doch feige fahren wir daran vorbei.
Unsere Gesichter glühen über den Tellern mit Eiern, Hackfleisch,
Kartoffeln
in einer der derben Gaststätten, die den Ort «Paris»
bilden. Bei Minus 8 Grad übernachten wir hinter dem Haus im Zelt.
Der zweite ist gemeiner. Der Toeoe-Aschuu-Pass zeigt sich uns am folgenden
Tag in seiner ganzen Höhe. Kein Fels, kein Baum verstellt den Blick
– da müssen wir hinauf, wir sind es uns bei jeder Radumdrehung
bewusst. Velofahren ist Arbeit. Ist Arbeit. Ist Arbeit. Ist Genuss? auf
der andern Seite fällt die Strasse kilometerlang durch ein dramatisch
wilde Schlucht. Bis Bischkek ist es nun nicht mehr weit. Und auch nicht
bis China.
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Bald in China
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Auf einmal stehen wir sozusagen an der Grenze zu China. Vorerst virtuell.
In einer Reiseagentur in Bischkek buchen wir den Grenzübertritt über
den Torugart-Pass (3700 Meter) mit dem Jeep. Mit dem Velo einreisen lassen
uns die chinesischen
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Behörden nicht. Doch wollen wir
nicht auf dem direktesten Weg dorthin, wo wir hinwollen. Bevor wir dem
ersten Ziel unserer Reise entgegen fahren, nehmen wir uns zehn weitere
Tage für eine Tour um den Issyk-Kul. Reiten und Kuren im Sanatorium
inbegriffen.

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