Verhüllen und verstecken, filmen und verwuenschen, feiern und fahren




Ein Kopftuch ist etwas seltsames. Es verhüllt persönliche Merkmale und schränkt dadurch ein. Es gibt aber, zusammen mit einer Sonnenbrille, auch die Freiheit, unbemerkt und unerkannt zu beobachten. So fühlen wir Frauen uns gleichzeitig bevormundet und trotzdem narrenfrei, als wir Ende Juli an der türkisch-iranischen Grenze bei Bazargan unsere Tücher sittsam um Kopf und Gurgel knoten. So, wie wir es von einer Istanbuler Kleiderverkäuferin gelernt haben. Später in Tabriz wird man uns wenig versteckt belächeln und fragen, weshalb wir uns so züchtig zugeknöpft geben?

Die Art und Weise, wie die Frauen im Iran ihre Tücher binden, hat weniger mit der Mode zu tun als mit der politischen

 


Haltung: Wer kritisch ist und fortschrittlich, legt das Tuch nur knapp über den Hinterkopf und lässt vorne möglichst viele Haare hervorschauen. Nur tief religiöse Musliminnen binden es, mit Sicherheitsnadeln befestigt, eng um Stirn und Hals. So wie wir. Also weg mit den Nadeln, das Tuch nach hinten geschoben. wir sehen jetzt aus wie vom Landfrauenverein, dafür senden wir weniger irritierende Signale aus.

 


Nackte Füsse

 

Unsere ersten Tage in der Millionenstadt Tabriz erleben wir in dem merkwürdigen Gefühl, mit viel zu strengen Ideen vom Leben in der Islamischen Republik Iran angereist zu sein. Wir schlängeln uns durch den Bazar, besuchen die Blaue Moschee; aber wo sind denn nun die Busse, in denen die Männer vorne und die Frauen hinten sitzen? Und wo die nach Geschlechtern getrennten Restaurants? Wir sehen sie nicht. Was wir sehen, sind nackte Füsse - und wir hatten extra Socken gekauft. Und ab und zu ein Pärchen, das sich an den Händen hält.

Erst auf unserem Weg nach Osten sehen und spüren wir immer stärker die islamischen Regeln und Kontrollen, die das Leben hier bestimmen. Wir nähern uns auf der Pilgerroute der heiligen Stadt Mashad. Immer häufiger tragen die

  Frauen jetzt den schwarzen Tschador, der sie vor dem bösen Blick schützen soll; uns scheint, er macht sie vor allem unbeweglich, die Frauen sind ohne Unterbruch damit beschäftig, das grosse Zelt (Tschador = Zelt) zurecht zu zupfen. Selbst wir dürfen später das Heiligtum der Stadt Mashad, den Schrein des achten schiitischen Emams Reza, nur im Leih-Tschador besuchen. Trotzdem werden wir als Nichtgläubige nur zu einem Bruchteil der heiligen Räume vorgelassen. Wir dürfen die Teppichausstellung und das Museum im Emam-Reza-Komplex besuchen, das eine wilde Mischung von Objekten zeigt: den Originalschrein des Emams, eine Sammlung chinesischer Vasen aus der Ming-Dynastie, Goldmedaillen iranischer Meister in Ringen und Mathematik, eine Muschelsammlung.


Besuch von draussen

 

Aber nicht nur die strengere Kleidung beeinflusst unsere Sicht. Bis wir Mashad erreichen, erleben wir unzählige Begegnungen, und seien sie nur kurz am Strassenrand, in denen die Leute über enge Grenzen und das Fehlen jeder Perspektive klagen. Mit Sätzen und Gesten verwünschen sie ihre geistlichen Führer. Immer wieder fragt man uns, was wir vom Iran halten. Man merkt, die Leute fürchten, es könnte Schlechtes sein. Umgekehrt ist die Schweiz grundsätzlich gut, Amerika schlecht. Es sei denn, als möglicher Befreier von der ungeliebten Regierung.

 

Wir erhalten das Gefühl, dass die Leute nach Besuch von draussen lechzen. Die Szenen auf der Strasse dem kaspischen Meer entlang Richtung Mashad gleichen sich. In voller Fahrt werden wir aus Autofenstern heraus gefilmt, halten wir an, macht uns das sozusagen zu Freiwild: Man will mit uns aufs Bild, auf den Videofilm. Was werden die Filmer und Fotografen ihren Freunden und Bekannten erzählen, wenn sie ihnen die Bilder zeigen? Vier Touristen mit Helm, denen sie strahlend lächelnd und blitzschnell den Arm um die Schulter gelegt haben, bevor der Kollege den Auslöser drückte.

Gegenüber solchen Blitzbegegnungen, die wir anfangs sehr ernst nehmen, entwickeln wir mit der Zeit eine dickere Haut. Ohne schlechtes Gewissen sprechen wir mit den Leuten nur noch Berndeutsch, sie ihrerseits reden in Farsi auf uns ein. Wir grenzen uns ab, sonst werden wir ausgesaugt.


Grenzenlose Gastfreundschaft

 

Unzählige Male aber erhalten wir ungefragt wirkliche Hilfe, werden wir durch Strassen gelotst und zu Hotels geführt. Zur Krönung bezahlt uns ein Mann in Tehran, den wir nach dem Weg gefragt haben, das Taxi. Wir können es nicht verhindern. Die iranische Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft kann grenzenlos sein.

Auch bei unserem Besuch bei Bekannten in Chalus werden wir herzlich und rührend umsorgt und erhalten Einblick in so wichtige Dinge wie das Verstecken von Satellitenschüsseln (ausländische Programme sind verboten) und das Anrühren von iranischem Whisky (alkoholfreies Bier mit reinem Alkohol, Verhältnis variabel). Etwas vom wichtigsten, das erklärt uns einer später, sind hier gute, das heisst schweigsame Nachbarn.

 

Höhepunkt ist die iranische Hochzeit, zu der man uns einlädt. Was uns neben Kuchenmessertanz und symbolischem Gang ins Brautgemach besonders eindrücklich in Erinnerung bleibt, ist das Essen: Wir sitzen stundenlang herum und knabbern Früchte, bewegen uns zwischen elf und Mitternacht ins Nebenzimer ans Buffet, schlingen wie die andern stehend Poulet, Reis und Salat herunter und sitzen zehn Minuten später etwas ratlos wieder auf unseren noch warmen Stühlen.


Fahren oder nicht fahren

 



Unsere Route führt uns von Chalus über Gorgan nach Mashad. Rund 900 Kilometer. Nach hundert davon fragen wir uns ernsthaft, ob wir uns diese Fahrt weiter antun sollen. Der Verkehr am kaspischen Meer ist während der Ferienzeit unerträglich. Von Benzin- und Abgasgestank wird uns übel, die Augen brennen, von den Hupen sausen die Ohren. Viele Autolenker sind derart damit beschäftigt uns anzustarren, dass sie uns fast über den Haufen fahren. Links und rechts der Strasse nichts als Mauern oder Baustellen. Dazu ist es heiss. Bis zu 42 Grad heiss und feucht. Und an unseren Hinten schmerzen Scheuerwunden. Nein, wer es richten kann, soll diese Strecke im August nicht radeln. Für uns ist es zu spät. Wir sind bereits hier.

 

Die üblen Bedingungen und die Gewissheit, dass uns die Zeit, die wir in diesem stinkenden Verkehr verbringen, für Spannenderes, Schöneres fehlen wird, führen zu einer kleinen Krise: Fahren oder nicht fahren bis Mashad? Oder anders: Velo oder Bus? Und natürlich ist dies eine ganz tiefsinnige Frage. Wollen wir uns auf das einlassen, was uns entgegen kommt oder verändern wir es sofort, wenn es uns nicht passt? Doch mit der Fragestellung endet die Philosophiestunde auch bereits wieder. Ab Gorgan nämlich werden Strasse und Landschaft erträglicher, ja schön sogar mit ihrem Dschungel, in dem Horden von Wildschweinen hausen, wie wir in der Nacht erfahren, und später in ihrer hügeligen Kargheit. Wir können weiter fahren. Glück gehabt.