Grün, Rot, Blau - immer wieder 'der Krieg' - und: holy shit!


 
 

Dank dem guten Rat unserer Nachbarn verlassen wir Izola (Slowenien) auf einem Veloweg. Die Grenze zu Kroatien liegt nah. In einem Cafe in Portoros kurz vor dem Zoll wollen wir unsere letzten Tolariev (slowenische Währung) ausgeben - und erleben eine irritierende Szene: gereizt folgt uns die Servierfrau, die Scheine in der Hand, die wir auf den Tisch gelegt haben: das ist kein slowenisches Geld, das ist jugoslawisches Geld, es gibt kein

  Jugoslawien mehr, das hier ist nichts wert, nichts! Ratlos betrachten wir die Noten. Weder wird klar, was dies für Geld ist - stammt es aus dem ehemaligen Jugoslawien oder aus der inzwischen ebenso ehemaligen jugoslawischen Föderation? - noch wer es uns untergejubelt hat. Und wir ahnen, dass uns auf der Reise durch Kroatien, Bosnien-Herzegovina und Serbien/Montenegro noch manches verwirren wird.

Grün und Rot...

Doch vorerst werden wir als Touristen in Kroatien umworben. Bereits wenige Meter nach der Zollkontrolle locken grosse Plakate: die Küste und die Inselwelt Kroatiens - ein Ferienparadies! Die Reisecars mit deutschen und österreichischen Nummernschildern, die an uns vorbeigleiten zählen wie nicht. Wir bejubeln Istriens Landschaft: Nach dem eintönigen Norditalien hier nun weiche Hügel, Grün in allen Spielarten, würzige Luft, rote Erde. Auf den Speisekarten der Gasthäuser stehen Trüffel und Wildschwein. Noch zwei, drei Kilometer, dann bleiben wir. Denken wir.'This is no good way for bikes' meint ein freundlicher dicker Mann noch, als wir auf einer Schotterstrasse hügelabwärts ins Tal rollen. Irgendwo spielt jemand Saxophon.

 

Unseren Ort für die Nacht finden wir erst zwei platte Schläuche (Hugo), mehrere Flüche (Hugo und Simu) und eine Cheerleader-Performance zum Anfeuern beim Flicken (Sarah und Bea) später. Der Ort heisst Motovun und liegt auf einer unvermittelt aus einer Flussebene aufragenden Hügelkuppe. In den teureren Zimmern des Hotels, in dem wir wohnen, hätte man eine atemberaubende Aussicht auf das umliegende Land. Wir gucken am Abend noch etwas in den Hinterhof und sichten am nächsten Tag vom Panoramaweg aus. Motovun - wir kommen wieder!


Blau

Doch jetzt wollen wir ins Ferienparadies. Ans Meer! Wir finden es auch - ebenso wie das vermeintliche Fischerdorf Brestova, das auf unserer Karte eingezeichnet ist, und in dem wir übernachten wollen. Nur: Brestova ist kein Dorf, nicht einmal ein Weiler. Brestova ist die äusserst karg gestaltete Anlegestelle der Fähre, die zwischen dem Festland und der Insel Cres verkehrt.


Kurz vor Brestova

Ein Brestova wie wir es uns vorgestellt haben mit einer pitoresken Altstadt und einer netten Pension gibt es nicht. Dies wird uns abends um sieben nach einer mehrminütigen steilen Abfahrt klar. Den drohenden Aufstieg im Rücken, ergreifen wir die Flucht nach vorn - und die kroatischen Inseln sollen schliesslich schön sein. Wir bereuen es nicht.


Fähre nach Cres

Das spärlich besiedelte Cres entschädigt uns mit verkehrsarmen Strassen; Pinien, Olivenbäume, Sträucher und Blumen duften, die Schmetterlinge bewegen sich mit ihren überdimensionierten Flügeln so träge, als ob sie an Marionettenfäden gezogen würden.


Kartengefummel (Sarah mit Geschäftsgring...)

 


Abfahrt nach Osor

Die Adria ist blau, an manchen Stellen türkis, klar und kühl. Recht haben sie, die Kroaten, mit ihrer Werbung. Nach zwei Tagen setzen wir mit dem Schiff wieder ans Festland über. Wir erreichen die Küstenstadt Zadar abends um elf.


Fähre nach Zadar

Hundemüde. Alle Zeltplätze sind geschlossen. Ein Bett nur, egal, wenn es für einmal teuer ist. Auf dem weissen Bettbezug im Dreisternehotel liegt Kohlestaub. Oder ist es Strassendreck, den wir mitgebracht haben?
Während des üppigen Frühstück am folgenden Morgen: kratzen am Hals, hinter den Ohren, an Kniekehlen und Fussgelenken. Bea zeigt den andern kleine rote Buckel. Dann ist es bereits wieder spät. Wir haben unsere tägliche Aufsteh-, Ess- und Packzeit noch nicht wirklich reduzieren können. Wir wollen endlich weiter, der Küste entlang Richtung Süden.


Bobisgebäck


Nach dem Krieg

Am Nachmittag erreichen wir Biograd, eine kleine Stadt am Meer. Mara, die seit zwei Jahren mit ihrem Mann den kleinen Privatzeltplatz führt, auf dem wir übernachten, relativiert dieses 'klein': Biograd hat 4000 Einwohner, während der Hauptbadesaison aber 35 000. Der Tourismus an der kroatischen Küste boomt. Kleine Zeltplätze wie jenen von Mara treffen wir alle paar Meter an, dazu links und rechts der Küstenstrasse ein Schilderwald: Sobe - Zimmer, Apartmani! Der Abschnitt zwischen Zadar und Split ist eine einzige grosse Baustelle. Erst später, als wir ins Landesinnere einbiegen, werden wir uns bewusst, dass dieses Ferienparadies ein schmales ist: kaum einige Kilometer vom Meer entfernt, treffen wir auf Ruinen, Geisterdörfer, die nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurden.

 

Immer wieder 'der Krieg' - während der Küstenfahrt fallen uns grosse Plakate auf: Männer in Uniform, daneben ein Satz, der, so entziffern wir, das Wort 'Held' enthält. Später in Split erklärt uns Ivan, der Besitzer einer Pension, der uns zum Cafe einlädt: Dies sei eine Kampagne mit dem Ziel, jene kroatischen Militärs zu rehabilitieren, die zurzeit vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stehen. Nicht Verbrecher seien sie, sondern Helden. Sie hätten niemanden angegriffen, sondern ihr Vaterland verteidigt...


"Taubenschläge" in Split


'Holy shit'

Von Biograd fahren wir weiter nach Zaboricje, wo wir unsere Zelte wieder auf einem kleinen Grundstück neben einem Wohnhaus aufstellen. Ein Mann empfängt uns mürrisch, wie wir meinen. Doch scheint diese auf uns abweisend wirkende Art, die wir schon mehrmals erlebt haben, nichts zu bedeuten. Nicht lange dauert es, und es erscheinen ein Bruder und ein Mann, der sich als Cousin aus Kanada vorstellt. Hier, weil er ein Hotel bauen wolle. Ein Millionenprojekt! Bleich und teigig der Teint, die Haare gelgekräuselt, Goldketten an Handgelenken und Hals mit einer strassbesetzten Gürtelschnalle, die in der Sonne funkelt, scheint er einem Film von Emir Kusturica entstiegen. Die Männer sind an unseren Rädern und unserem Reiseziel sehr interessiert. Und beeindruckt. 'Holy shit!', entfährt es dem Cousin, und er kratzt sich am Kopf.


Flohattacke!

 

Holy Shit ist auch alles, was wir zwei Tage später in Podgora noch zu sagen wissen: es hilft alles Hoffen und Verdrängen nichts, inzwischen kratzen sich auch Hugo (häufig) und Sarah (manchmal). Wir haben Flöhe! Flöhe aus


Waschtag gegen die Flöhe

Zadar. Ein Test auf dem weissen Seidenschlafsack beweist: der Kohlestaub hüpft. In die nächste Stadt fahren, Flohpuder, Flohsalbe und Läuseshampoo (zur Sicherheit) kaufen und dann einen Tag lang waschen.
Waschen. Waschen. Von Hand. Einen Tag später verlassen wir Kroatien. Porentief rein. Holy shit!


Kurz vor Ploce


Kleines Lexikon der Wörter und Wendungen

Nach einem Monat des Reisens entwickeln wir eine gemeinsame Sprache. Wie eine richtige Familie. Hier die Hintergründe zu einigen Wörtern und Wendungen für den Fall, dass sie sich unbemerkt und für Aussenstehende unverständlich in unsere Reiseberichte einschleichen:

Chünguränze
Die Chünguränze sind unser tägliches Thema, wir pflegen sie, wir messen sie, wir vergleichen sie, bald wollen wir sie fotografieren. Die Chünguränze sind unsere Waden, die wachsen und wachsen, so wie es uns Steven Götz, der das Wort geprägt hat, noch in Bern prophezeit hat.

Etwas schmeckt wie Katzensalami
Es ist Nacht. Es raschelt im Vorzelt. Ein grosses, gefährliches Tier, ist Sarah überzeugt. Vor der Reise weilte sie in Kanada, wo des nachts auf Campingplätzen sämtliche Vorräte in bärensicheren Kisten verstaut werden. Simu muss nachsehen. Das Tier ist bereits weg, doch deuten tiefe Löcher und Kratzspuren in der Frühstückssalami auf eine Katze.

 

iSarah und Bea vermuten Räude und Krätze in der Wurst und bestehen darauf, dass Simu und Hugo nur noch im Abstand von einigen Metern davon essen. Fortan schmeckt alles, was widerwärtig schmeckt wie Katzensalami.

Wurstbrille
Split, wir sind dabei, die Pension zu verlassen, Simu setzt eben die Sonnenbrille auf, als er zurück geschickt wird, um eine Wurst aus dem Vorratssack zu holen (nicht die Katzensalami). Zum Glück trage ich schon die Wurstbrille, meint er lapidar. - Heute möchten wir die Wurstbrille nicht mehr missen, wir haben sie in unseren Wortschatz aufgenommen...

Ludin
... ebenso wie Ludin. Wenn wir nicht wissen, wohin wir fahren, fahren wir nach Ludin. Geprägt von Hugo, der über Tage beharrlich von Ludin sprach, als wir in Istrien nach Labin unterwegs waren. Ludin, Labin, wo liegt da schon ein Unterschied.