Reisebericht China (3. Teil): Tour durch Xishuanbanna
Wir sind in China!



Jinghong in Xishuanbanna. Am ersten Abend zu viert wird das Hotelzimmer zum Kino für unsere Erinnerungsbilder. Simu und Sarah zeigen die Altstadt von Lijang, kalt sei es gewesen auf über zweitausend Metern. Sarah führt neürdings eine Bettflasche in ihrem Gepäck. Wir sehen strenge Jojo-Fahrten durch prächtig grüne Endloshügel. Am Strassenrand Frauen in farbigen Trachten. Dann schlechte Strassen,

 

staubige Baustellen, Simu und Sarah mit Gesichtsmasken, der rettende Bus. Filmwechsel: Bea und Hugo im Kloster Wu Wei Si, Bewegungen, die einmal Kung Fu und Tai Chi werden sollen, junge Mönche beim Training, beim Singen, beim Beten, eine wilde, nächtliche Teezeremonie, Herzweh beim Abschied. Alle sind sich einig, wir haben drei gute Ferienwochen erlebt.


AAAttraktionen

 

Es ist kurz vor Jahresende. Wir wollen ohne allzu grosse Anstrengung Xishuanbanna erkunden, eine Region am südlichsten Zipfel Chinas, die voller AAA- und AAAA-Attraktionen ist. Chinesesische Touristenziele erhalten As wie Hotels Sterne oder Starköche Mützen. Die Kriterien bei der Verleihung bleiben uns verborgen. Erhält zum Beispiel der Park mit den (unauffindbaren) wilden Elefanten ein zusätzliches A, wenn er die Besucher bei der Gondelfahrt über den Regenwald mit chinesischen Schlagern beschallt? Wir werden es nie wissen. Doch gäbe es einen andern Grund, das Tropenwaldfeeling mutwillig zu zerstören?

 

Wir starten aber nicht bei den Elefanten, sondern bei andern Minoritäten. Von Jinghong aus fahren wir eine idyllische und flache Strecke dem Mekong entlang. Es ist warm, es ist feucht, am Strassenrand stehen Palmen, Bananenbäume, wir tauschen die Thermowäsche mit dem T-Shirt. Den ersten Halt machen wir in Ganlanba, einem erstaunlichen Ort, an dessen Hauptstrasse, kaum bricht die Dämmerung herein, links und rechts Dutzende von Garagenbars aufpoppen, die sich gegenseitig mit Karaoke- und anderem Lärm zu übertrumpfen versuchen. Doch nicht ihnen verdankt Ganlanba seinen AAAA-Status, sondern dem 'Dai Minority Park'. Hier, bereits zu Beginn unserer Tour, erreicht das Minoritätenwesen in China seinen Gipfel.


Minoritäten

 

Über fünfzig verschiedene ethnische Gruppen leben in China, sogenannte Minoritäten. Die Gemeinschaften umfassen einige Hundert bis mehrere Tausend Menschen, sie haben Namen wie Aka, Bai, Dai oder Y, besitzen eigene Sprachen, Schriften und Bräuche und leben in verschiedenen Regionen im ganzen Land. Abgeschiedene Bergvölker gibt es ebenso wie Völker, die ihre Lebensweise vollständig den Bedingungen im Regenwald angepasst haben. Allen gemeinsam ist, dass besonders die Frauen auffällige, meist sehr bunte und reich verzierte Trachten tragen. Und das macht sie für den Tourismus attraktiv.

Bereits in den viel besuchten Orten Dali und Lijang waren wir in den Ausverkauf von Minoritäten-Kleidern und Schmuck geraten. Man bot uns Touren zu Minoritäten-Märkten an, wollte uns die Teilnahme an Minoritäten-Hochzeiten verkaufen. Fast hatten wir den Eindruck, dass die Frauen ihre Trachten nur noch als Verkaufsuniform tragen. So ist es aber nicht, stellten wir später in abgelegeneren Gebieten fest. Die

 

traditionelle Art zu leben und sich zu kleiden existiert noch. Doch wo immer sich ein Tourist hin verirren könnte, wird sie gnadenlos vermarktet.

Der 'Dai Minority Park' in Ganlanba geht so: Für ein paar Dollar betreten wir durch ein Tor ein Areal, auf dem man irgendwann drei echte Dai-Dörfer eingezäunt und zur AAAA-Attraktion erklärt hat. Und so können wir nun herumwandern und den Dai beim leben zugucken. Wenn wir wollen, lässt man uns in die Hauser hereinspazieren, wir können uns dort bekochen lassen und wenn wir wollen auch hinlegen und gleich über Nacht bleiben. Für wenig Extrageld. Jeden Tag zwei Mal springen die jungen Dai-Frauen und -Männer zum Veranstaltungspavillion, wo sie in farbigen Kleidern und mit missgelaunten Gesichtern federnd und wippend 'traditional Dances' vorführen. Nach einer kurzen Pause geht's zum Water-Splashing-Festival: Ein ursprünglich einmal im Jahr durchgeführtes Fest, bei dem sich die Dai als Glücksymbol gegenseitig mit Wasser bespritzen und das jetzt - schliesslich soll keinem Besucher etwas vorenthalten werden - jeden Tag gezeigt wird.


Regenwald

 

Nach zwei Tagen fahren wir weiter und dann ist Weihnachten. Wir feiern in Menglun. So exotisch wie der Name ist unser Weihnachtsbaum. Wir zünden auf der Dachterrasse unserers Hotels drei Kerzen an, die in einer Ananas stecken. Kaum mögen wir warten, bis sie heruntergebrannt sind. Xishuanbannas Ananasse sind die weltbesten. Wir beenden unser kleines Fest mit saftendem Kinn und tropfenden Fingern. Sehr zufrieden.

Wir bleiben einen Tag und besichtigen den botanischen Garten (AAA?). Ein Garten ist dazu da, Ordnung in den Wildwuchs zu bringen. Bei Regenwald wirkt das so, wie wenn der Schweizer Komiker Ursus die Werke von Picasso, Miro und van Gogh ordnet. Was sich sonst wild ineinander verschlingt, auf verschiedenen Ebenen Wurzeln schlägt und Äste treibt, steht in Reihen da, übersichtlich und beschriftet. Der botanische Garten ist gross, schön


 

angelegt und erreicht sein Ziel: Wir freuen uns darauf, auf unserer Tour durch den 'richtigen Regenwald' zu fahren.

Lange zu warten brauchen wir nicht. Am nächsten Tag ist er da, der Wald, und zwar steht er auf einem besonders hohen Hügel und einigen hohen Hügeln. Aus der geplanten Sonntagsfahrt wird nichts. (Sonntagsfahrten sind Fahrten mit Vollpackung, aber kurze. Im Gegensatz zu Hobbyfahrten: Fahrten ohne Gepäck, zur reinen Freude, und zu Trainingsfahrten: Fahrten mit Vollpackung, die aber nirgends hinführen, weil die Planung in die Hose gegangen ist und man am Abend wieder dort ist, wo man am Morgen losgefahren ist. So geschehen in Sozopol, Bulgarien.) Also, keine Sonntagsfahrt heute, wir radeln eineinhalbtausend Höhenmeter durch üppigen Regenwald, erreichen dafür aber noch fast das Banna Wild Elefant Valley (Chinesische Schlager, AAA).


Tiere

 

Elefanten finden wir dort keine, dafür ein Papillorama: Eine fünf Meter hohe Netzkuppel mit einer Bodenfläche von wenigen Quadratmetern. Die Pflanzen sind dürr, das Schmetterlingsvorkommen: 2. Wir wundern uns noch über die magere Population, da finden wir die Verwandten der zwei Tiere, die wir mit zusammengekniffenen Augen beobachtet haben - im Souvenirshop. Für wenige Yuan gibt es dort farbenprächtige Bilder zu kaufen, keine Aquarelle, nein, es sind aufwändige Klebarbeiten mit heiteren Motiven: Minoritätenfrauen beim Wasserholen, bunte Papageien, Waldlandschaften - alles aus fein geschnipselten Schmetterlingsflügeln geklebt.

 

Tiere in China - Wer sein Haustier mit auf Reisen nimmt, soll es vor der chinesischen Grenze aussetzen, es wird ihm in jedem Fall besser gehen als hier, wo es: gefressen wird (alle Tierarten). Oder in einen Sack geschnürt 24-Stunden auf dem Dach eines Busses transportiert wird (Hunde, Hühner). Oder von spielenden Kindern im Supermarkt herumgeworfen wird (Schildkröten). Oder in einem jämmerlichen Käfig im eigenen Dreck schmoren gelassen wird. (Affen). Oder zerschnippelt und aufgespiesst wird (eben). Dies nur eine AAuswahl selbst beobachteter grausiger Schicksale, die ein Tier in China ereilen können.


Über die Happy-Massage-Grenze

 

Unsere Rundreise endet in Jinghong, wo sie begonnen hat, und zwar mit einem Feuerwerk. Es ist Silvester und China das Land der prächtigen Raketen, Böller, Klepfer, Zuckerstöcke. Wir feiern im Hotelgarten, allein, die Chinesen begehen ihren Jahresbeginn erst Ende Januar: sie feiern dann exzessiv drei Wochen lang. Trotzdem richten wir uns nach der Beijing-Time, wollten wir virtuell mit den Lieben zu Hause anstossen, müssten wir um sieben Uhr morgens aus den Federn. Das ist uns dann doch etwas zu früh.

Am ersten Tag des neuen Jahres machen wir uns auf den Weg nach Vietnam. Ein langer Weg, der mit einer Zwanzigstundenfahrt im Sleeperbus beginnt. Sleeperbusse sind jene typisch chinesischen Fortbewegungsmittel, bei denen man sich mit dem Billet eine eintägige leichte Gehirnerschütterung gleich mit einkauft. Erschüttert also treffen wir in Hekou ein, dem chinesischen Grenzort. Vielleicht ist der wackelige Allgemeinzustand schuld, dass Sarah auf der Hoteltoilette aus reiner Neugier das erste Päckchen aufreisst, das ihr in die Finger gerät: ein Paar Männerunterhosen. Zehn Yuan.

 

Und dann erst entdeckt, was da sonst noch unter dem Spiegel liegt: Potenzpillen für ihn, Utensilien für die Intimwäsche für sie. Bereits in Jinghong priesen manche Hotels beim Eingang 'Happy-Massagen' an. Zwei junge Mädchen, die wir später kichernd aus dem Zimmer eines nackten Mannes stöckeln sehen bestätigen unsere Theorie: Irgendwo hier verläuft die "Happy-Massage-Grenze". Während Prostitution in China verboten ist, ist sie in Vietnam für viele Frauen eine der einzigen Einkommensmöglichkeiten.

Am nächsten Tag stellen wir uns hinter Dutzenden von schwer bepackten Fahrrädern an - Händlerinnen und Händler, die wie wir über den Red River nach Vietnam einreisen wollen. Wir verlassen China mit einer Träne im Auge. In über zwei Monaten haben wir angefangen, das Land zu lieben. Ein Land, übrigens, in dem wir immer komfortabel wohnten (manche zweifelten nach der Lektüre unseres letzten Reiseberichts). Jeder Weiler hat ein Hotel, das heisses Wasser, ein sauberes Bett und eine Wegwerfzahnbürste bietet. Und so sind wir froh, dass wir spätestens im Februar wieder nach China zurückkehren wollen.