Reisebericht China (2. Teil): Chengdu - Leshan - Bamboo Forest - Zaotong
Wir sind in China!



Wieder Velo fahren: Wir verlassen Chengdu im Nebel. Während der folgenden drei Wochen erscheint uns die Landschaft, als ob wir sie durch eine Milchglasscheibe betrachteten. Die

 

Feuchtigkeit bildet beim Fahren eine schmierige Schicht auf unseren Gesichtern. Und im fehlenden Licht gleitet auch die Moral vorübergehend in einen Dämmerschlaf.


Auf dem Land

 

Nach wenigen Kilometern läuft die Stadt aus, wir sind auf dem südchinesischen Land. Dort, wo die Dörfer alle im selben Stil gebaut sind: weiss geplättelte einfache Häuser, unten Raum für das Handwerk, oben Schlafzimmer für die Familie. Hühner fliehen wie Karikaturen von Hühnern gackernd und fuchtelnd vor uns über die staubige Landstrasse. Wir hören das Zetern von Schweinen, sehen hinkende Hunde und Kinder, die aus Strickhosen mit Schlitz am Hintern konzentriert an den Strassenrand pinkeln. Und wir riechen. Wir riechen das Verwesen von allem, was in die offenen Abwasserkanäle neben der Strasse geworfen wurde. Zwei Schritte weiter wird der Boden bebaut - Lattich, Krautstiele, Bohnen, so dicht, als ob sich das Land im Kriegszustand befände und befürchtete, für lange Zeit von der Umwelt abgeschnitten zu werden. Wenige Meter weiter steht eine Fabrik,

 

die wie eine Süchtige ununterbrochen an einem qualmenden Schlot saugt. Wir sind auf dem südchinesischen Land. Dort, wo sich Mensch und Tier, Landwirtschaft und Industrie auf engstem Raum den Boden teilen. Dort, wo man wegen der ungebremsten Umweltverschmutzung und der fehlenden Hygiene den Ursprung von Krankheiten ortet. Krankheiten wie SARS.

Vor SARS wurde bereits vor Monaten Entwarnung gegeben. Das ist beruhigend für uns. Oder auch nicht: Hier scheint es fast der natürliche Lauf zu sein, dass irgendwann eine andere Krankheit ausbricht, deren Abkürzung die Zeitungen drucken werden. Und einmal mehr ist das eine Erkenntnis, die paradox wirkt: Wir sorgen uns, hier mitten im Lebensalltag der Leute, die mit dem Risiko leben, weniger als wir es zu Hause taten.


All the Best

 

Wir kommen zügig voran. Noch sind die Strassen gut, asphaltiert und enigermassen eben. Die Reise geht Richtung Leshan, wo die grösste Buddhaskulptur der Welt steht. Blöderweise ist die gute Strassenkarte von China zu Hause geblieben. Jetzt spielen wir mit einem chinesischen Exemplar vor den Wegweisern jeweils eine Art Memori. Nein, Touristen wie wir sind in China trotz Öffnung noch nicht vorgesehen. Englische Beschriftungen sind selten. Doch das wird sich ändern. China goes English! Den Blick auf dieses grosse Unternehmen lenkt ein Schriftzug über den Dächern der Kleinstadt Jiajang: HOTTELE.

Nichts wie hin. Wie eine Diva, die immer wieder die Kleider wechselt, stellt sich uns das Mehrstern-Haus auf glänzenden Welcome-Schildern kokett vor: einmal ist es das HOTTELE, dann das HOTTLE oder auch das HOTL. Hauptsache Englisch.

 

Denn Englisch ist cool. Wer wird da mit der Rechtschreibung pingelig sein. Erst später werden wir erkennen: Überall im Land wird fieberhaft daran gearbeitet, die noch fehlenden Kenntnisse zu erwerben: Die chinesischen Buchhandlungen sind voll von Englischlehrgängen für jede Lebenslage. Auf der Strasse packt man uns am Ärmel: Dürfte ich mit ihnen mein Englisch trainieren? Meist reden die Leute dann eine halbe Stunde Chinesisch auf uns ein. Und im Staatsfernsehen referieren junge Leute in Schale und Deux Pieces am "English Speaking Contest" todernst über die Weltlage. Wir wissen, wie sauschwierig es für uns ist, ein paar Wörter Chinesisch zu lernen. Da bleibt uns nur, den Chinesen das Beste für ihre Sprachefforts zu wünschen. Oder einfach: All the Best on your path and all the way! (Schriftzug auf einer Neujahrskarte.)


Sightseeing

 

Und dann stehen wir vor ihm. Nein, wir schaukeln vor dem siebzig Meter hohen Buddha in Leshan. Auf einem sich einseitig neigenden Schiff, das uns und zwanzig chinesische Touristen zum Fototermin vor die Felswand mit der Statue geführt hat. Der Buddha trägt ein hintergründiges Lächeln im stark geschminkten Gesicht. Er weiss, er ist der grösste auf der Welt, seit die Taliban in Afghanistan den um wenige Meter höheren Rivalen ausgelöscht haben. An

 

Land drängeln sich, wie farbige Ameisen, weitere chinesische Touristen zu den Füssen des Buddhas. Auf der obersten Besichtigungsplattform, in siebzig Metern Höhe, stehen sie Schlange: der Trick ist, sich am Geländer neben Buddhas Kopf so hinzustellen, dass es auf dem Foto wirkt, als ob man ihm den Zeigefinger ins Ohr steckte oder ihn an der Nase kratzte. Den ehrwürdigen Buddha.


Noch mehr auf dem Land

 

Wir wollen dem Fluss entlang in die Stadt Ybin. Aus reiner Neugierde probieren wir ein Nebensträsschen aus, das aus einem Reisetag glatt vier zu machen verspricht: der Boden ist mit Grasmutten und unregelmässigen Steinbrocken gespickt, alles ist Sand und Staub, bei steilen Steigungen drehen die Räder durch.

Zu Mittag essen wir in einem kleinen Dorf Nudeln. Nach zwei Bissen hat sich das kleine, zur Strasse hin offene Lokal bereits bis in den letzten Winkel gefülllt. Um ums herum stehen Hunderte von gaffenden, zahnlos grinsenden, immer wieder in lautes Gelächter ausbrechende Bewohner. Sie lachen aus dem einfachen Grund, dass wir sind, was wir sind: Langnasen. Der Menschengürtel schliesst sich immer enger um uns, das Licht versiegt, sie liegen praktisch auf unseren Rücken! Wir flüchten. Am Abend steigert sich die Aufregung im nächsten Dorf noch: Beim Znacht steigen herbeigeeilte Passanten auf die umstehenden Tische, um ums über den Belagerungsring hinweg zu sehen. Wir sind gerührt, wir sind angestrengt und furchtbar müde. Und froh, wollen wir morgen mit dem Schiff weiter reisen.

Noch in völliger Dunkelheit besteigen wir um sieben Uhr früh einen wankenden Kahn. Die Flussfahrt nach Ybin scheint keine beliebte zu sein. Ausser uns ist kein Mensch zu sehen. Zumindest kein Passagier. Die Männer der Besatzung

 

stehen soeben auf, bürsten sich, noch in Unterhosen, die Zähne, spucken in den Fluss. Im Pferch, der das hintere Schiffsdrittel von den Bänken abtrennt, erwacht eine tonnenschwere, schwarz behaarte, runzlige Muttersau. Dann legen wir ab - und am andern Flussufer bereits wieder an. Im ersten Hafen steigen drei Menschen und zehn Schweine zu. Das Schiff pendelt auf dem Fluss hin und her. Beim zweiten Stop: fünf Menschen, drei Schweine. Weiter geht's. Drei Menschen, fünfzehn Schweine. Fünf, acht. Zwei, sieben. Und so weiter. Die Viehirten prügeln die Tiere an den Passagieren vorbei auf den Kahn. Unter ihren heftigen Fusstritten schreien die Schweine wie am Spiess. Dicht gedrängt kreischen sie, verbeissen sie sich ineinander. Und dann beginnt auf einer schmalen Holzlatte über dem Pferch auf einmal ein reger Verkehr: Männer, Frauen, Kinder, in Turnschuhen oder Stöckelschuhen, balancieren in der Hocke über den Schweineköpfen hin und her: das Klo liegt hinter dem Schweinepferch, am hintern Schiffsende.

Nach sieben Stunden legt das Schiff in Ybin an, mit einer geschätzten Ladung von fünfzig Personen, hundert Schweinen, mehreren Entenbüscheln (an den Füssen zusammengebundene Enten) und in Plasticsäcken als Handgepäck mitgeführten Hühnern, Tauben und Hasen.


Intermezzo bei der Polizei

 

Ybin ist nicht unser eigentliches Ziel. Wir wollen von dort weiter zu den riesigen Bambuswäldern, die in der Nähe liegen. Wir bleiben denn auch nicht lange. Gerade lange genug für einen kleinen Irrlauf im Labyrinth des chinesischen Sozialverhaltens. Wir erleben ein Intermezzo auf dem lokalen Polizeiposten:

Znacht in einem Fonduelokal. Aus dem siedend heissen, brennend scharfen Sud in der Tischmitte fischen wir Allerhand. Erkennbares, nicht Erkennbares. Hinter uns betrinkt sich eine Gruppe mit Reisschnaps. Männer wanken grölend an unseren Tisch, der Kellner 'geleitet' sie von uns weg. Dann fliegt das erste Glas, trifft Hugo am Rücken. Drohgebärden. Der Kellner, dem die Schweissperlen auf der Oberlippe stehen, versucht zu schlichten. Doch dann zersplittern Teller, Töpfe, Gläser am Boden, aus Wut hat einer den hinteren Tisch umgeworfen. Fluchend und drohend wanken die Trinker schliesslich aus dem Lokal. Der Kellner entschuldigt sich mehrmals. Obwohl wir nicht wissen, ob und wie wir den Trinker so in Wut versetzt haben, ist die Sache für uns gegessen. Nicht so für

 

den Kellner. Als wir das Lokal verlassen, nötigt er uns, mit auf den Polizeiposten zu kommen. Dort warten bereits andere Restaurantgäste - Zeugen? - Gemeinsam mit einer Handvoll Uniformierter schauen sie sich im Fernsehen einen Actionfilm an. Man warte auf den Polizeipräsidenten, radebrecht unser Kellner. Wecken die jetzt den Polizeipräsidenten einer Dreimillionenstadt auf? Wollen die, dass wir den Glaswerfer anzeigen? Wir sind ratlos. Schliesslich geht eine Tür auf, ein Mann und eine Frau in Uniform setzen sich uns gegenüber an den Tisch. Die Beamtin kichert. Alle gucken erwartungsvoll. Der Mann - der Präsident? - bedeutet seiner Begleiterin zu beginnen. What is your name? Wir sagen es. Die Beamtin kichert noch mehr. Der Präsident gluckst. Where do you come from? Wir sagen es. Kichern, glucksen, prusten. Dann bedeutet uns der Präsident, röhrend lachend, dass wir jetzt gehen können. Beim Ausgang drückt uns der Kellner Geld in die Hand. Geld,das wir für das Znacht bezahlt hatten. Unter Winken und allgemeinem Gelächter steigen wir schliesslich die Treppe hinunter auf die Strasse.


Nebel

 

Die Bambuswälder haben nicht Saison. Zuhai, der winzige Ort, wo wir nach gebirgiger Fahrt für zwei Tage ein Hotel nehmen, liegt im Winterschlaf. Und weit und breit sind keine Japaner zu sehen. Viel, viel später nämlich lesen wir in der Zeitung, dass in eben jenem Zuhai eine Gruppe von Japanern in flagranti bei einer Orgie ertappt und verhaftet worden sei. (Weshalb Japaner dort keine Orgien feiern dürfen, erfahren wir nicht.) Jedenfalls begegnen wir weder Japanern noch Orgien. Wir sehen dafür wohl hunderte verschiedener Bambusarten. Wir fotografieren den Gedenkstein, der uns mitteilt, dass sich Jang Zemin hier fotografieren liess. Wir gondeln über die Wälder auf den Berg und essen köstliche Waldpilze. Alles ist schön bis auf die Feuchtigkeit, die sich in jede Kleiderfaser, in jede Hautpore schleicht. Über allem liegt immer noch ein Nebel, dicht wie das Trockeneis bei der Pferdenummer im Zirkus. Im Nebel verlassen wir Zuhai auch und fahren Richtung Zaotong. Wie einen Refrain

 

werfen wir uns immer wieder die Bemerkung zu: Sie sind nicht zimperlich, diese Chinesen. Wenn sie sagen, dass die Strassen schlecht sind, dann sind sie es wirklich. Einmal sind sie derart schlammig und steil, dass wir uns, bereits in der Dämmerung, von einem Lastwagen in die nächste Stadt retten lassen müssen.

Sind es die teilweise üblen Bedingungen, ist es die lange Zeit, die wir nun bereits sehr eng miteinander verbracht haben? Haben wir bei allen Anforderungen von aussen zu wenig auf unser Gruppenleben geachtet? Zaotong wird uns in Erinnerung bleiben als der Ort, wo wir nach einer Aussprache beschliessen, drei Wochen Ferien voneinander zu nehmen. Simu und Sarah wollen nordwärts nach Lijang und von da aus in den Süden radeln. Bea und Hugo gehen nach Dali, in ein Kloster Kung Fu und Taiji trainieren. Treffpunkt Mitte Dezember wieder in Jinghong.