Reisebericht China (1. Teil), Kashgar - Ürümqi - Chengdu
Wir sind in China!




Am frühen Nachmittag des 22. Oktober 2003 überschreiten wir die Grenze zu China. Wir sind da! Wir sind mit dem Velo nach China gefahren! Ein erstes Ziel unserer Reise ist erreicht. Was das jedem von uns bedeutet - wir werden es erst mit der Zeit realisieren.

Vorerst machen wir ein Paar Schritte über die Grenzlinie nach Kirgistan zurück und tragen den Rest unseres Gepäcks in die chinesische Volksrepuplik - unter den strengen Augen eines grünbemantelten Soldaten, der jedem Klischee eines

 


Grenzwächters entspricht. Ein 4-WD-Jeep, robust und deshalb teuer, hat uns auf stacheldraht-gesäumter Strasse durch eine einsame, eisige Bergwelt auf den Grenzpass Torugart geführt. Auf der chinesischen Seite besteigen wir einen Bus, wie man ihn eher in einer Grossstadt erwarten würde als in viertausend Metern Höhe: schlank und elegant giert er auf der rüttelnden Talfahrt in allen Fugen; nichts, was den chinesischen Fahrer zu beeindrucken scheint. Er gibt Gas. Und wir lernen: Die chinesische Art, die Dinge anzugehen, ist keine zimperliche.

 


Alles, was Beine hat, alles, was fliegt

 

Drei Tage bleiben wir in Kashgar in der Provinz Xinjiang. Einer Stadt mit mittelalterlichen Handwerkergassen und dem berühmtesten Vieh- und Warenmarkt Nordchinas. Ein grosser Teil der Bewohner sind Uiguren. Von der Oeffentlichkeit weniger wahrgenommen, erleben sie ein ähnliches Schicksal wie die Bevölkerung Tibets: die uigurische Kultur wird verdrängt, indem Chinesen aus andern Landesteilen angesiedelt werden.

Einer der Unterschiede in der Lebensweise wird uns am wohl Naheliegendsten bewusst: am Essen. Die uigurische Küche gleicht dem, was wir aus Zentralasien kennen: fettige Speisen mit viel Fleisch, vorzugsweise Schaffleisch. Die chinesische Küche dagegen ist das, was wir aus dem China-Restaurant am Breitenrainplatz in Bern kennen: Gemüse und Fleisch in hundert Variationen, zubereitet im Wok, serviert mit gedämpftem Reis. Chinesisches Essen schmeckt wie chinesisches Essen! Darauf waren wir nicht gefasst. Und noch weniger auf das, was die Chinesen ausserdem noch essen und was wir bald entdecken:

 

Man serviert uns Entendarm und etwas, das einmal eine Luftröhre gewesen sein könnte. Wir finden auf dem Markt Krallen, Mägen, Zungen, Hirne und Schenkel fast aller uns bekannter Tierarten. Wir hören von Hundesteaks und Taubenbraten. Hintergrund dieser unglaublichen Vielfalt der Küche: Während mehreren Hungersnöten - die letzte endete erst 1961 mit fast zwanzig Millionen Toten - lernte man hier zu essen, was essbar ist.

Nicht weniger erstaunlich als was, ist wie gegessen wird. Erhebt sich eine chinesische Tischrunde nach dem Mahl, bleibt eine Verwüstung zurück, wie man sie nach einem handgreiflichen Streit erwarten würde: Knochen, Grünzeug, Zigarettenstummel, zerknüllte Servietten, Becher, Nussschalen - alles wird auf den Boden geworfen. Muss auf den Boden geworfen werden, den Müll auf dem Tisch zu lagern, so scheint es, ist anstössig - also lassen auch wir mit der Zeit scheu ein paar Hülsen der Sonnenblumenkerne, die überall bereit stehen, unter den Tisch fallen. Gutes Benehmen ist relativ - und erstaunlich hartnäckig.


China ist gross

 

Drei Tage in Kashgar reichen aus, die Zugfahrt nach Ürümqi zu organisieren. Dank der Hilfe einer englischsprechenden Chinesin. Zum ersten Mal nämlich erfahren wir, dass man auch mit einigen Brocken Landessprache, Mimik und entsprechendem Händefuchteln auf völliges Unverständnis stossen kann. Es ist, als seien viele Chinesen zum vornherein fest davon überzeugt, uns nicht zu verstehen. Und was nicht sein kann, ist nicht.

Wir reisen dreissig Stunden lang komfortabel im Softsleeper. Der Zug durchschneidet karges Felsland am Nordende der Wüste Taklamakan. Auf rötliches Gestein folgen bräunliche Schotterhügel, sandfarbene, von Rissen durchzogene Ebenen. Wir sehen in der Ferne nickende Oelpumpen, fahren vorbei an ausgestorbenen Lehmdörfern. Und dann - Ürümqi. Die Millionenstadt schiesst an den Rändern der Wüsten Taklamakan und Gobi in den Himmel. Ihre Strassenschluchten sind so tief, dass sie fast den ganzen Tag über im Schatten liegen. Hier steht das neue, das hoch entwickelte China. Das China, das während unseres Aufenthalts euphorisch den ersten Chinesen im All feiert.

 

Zwischen den spiegelverglasten, den westlichen Stil kopierenden Geschäfts- und Hoteltürmen ducken sich nur noch vereinzelt ein paar mausgraue Haüser - die ehemalige Stadt. Was alt ist, wird ohne Zögern hingemacht. Simu wird
deshalb auch die Grossstädte Chengdu und Kunming, die er vor zehn Jahren bereits besucht hat, nicht mehr wieder erkennen. Die Städte wachsen rasend schnell. Die Menschen in Uerümqi sind Grossstadtmenschen, gestylt, das
Handy am Ohr. Alles, was zu haben ist, ist hier zu haben. Auch jedes westliche Markenprodukt. Angesichts der vor uns liegenden zweiten, fünfzig Stunden dauernden Zugfahrt geraten wir in einen Kaufrausch: Trockenfleisch süss,
Trockenfleisch scharf, Kekse eckig, rund und oval, Nüsse braun und rot und blau und grün, und instant Nudeltöpfe. Simu lässt sich bei der Auswahl am meisten Zeit - und greift sich schliesslich den, der nicht nach Huhn
und nicht nach Rind, nein, der nach Schafsbock schmeckt.


Wer tut was wo? Und wer sieht zu?

 

Wieder fünfzig faule Stunden. Vor dem Fenster weichen das Braun und Grau dem Grün, folgen auf die Wüste dicht bepflanzte Hügel und Felder. Die Luft ist feucht und dampft. Wir nähern uns Chinas Süden. Zusammen mit
hunderten von frühen Radlern fahren wir schliesslich morgens um sieben durch Chengdu. Auf breiten Velospuren, wir sind im Land der Velofahrer! Die Zwölfmillionenstadt wirkt friedlich, auf dem Trottoir üben ganze Gruppen
Tai Chi. Man hält sich hier viel öffentlicher fit als bei uns. In jeder Stadt gibt es Plätze, auf denen verschiedene Wippen, Kreisel und Hanteln stehen. Wir halten sie für Spielplätze, bis wir sehen, wie Erwachsene hier ihre Beweglichkeit und Kraft trainieren. Und nicht selten sehen wir Angestellte vor dem Laden seilspringen, wenn die Kunden gerade auf sich warten lassen.

Wir gönnen uns einige Tage Stadtleben. Mit Besuch einer Sechuan-Oper. Eindrücklich die gellende Stimmlage der Darstellerinnen, eindrücklich die grellen Masken und eindrücklich die Moral der kurzen dargestellten Sequenzen. Mindestens ebenso sehr aber beeindruckt uns das Publikum: Frauen und Männer, viele davon in glühend blauen Mao-Kitteln, sitzen auf Holzstühlen hinter Holztischen, auf denen ihre Teetassen überschwappen: Alle paar Minuten drängt einer vorbei und holt bei der Thermoskanne am Bühnenrand heisses Wasser. Nicht wenige nicken ein, schnarchen. Eine furchige Frauen diskutiert, gestikuliert mit einer jungen, choderet auf den Boden, spricht weiter. Ein winziger Mann trippelt gelangweilt zum Ausgang, röchelt, blickt zurück, spuckt in den Saal. Der Alte hinter uns

 

bewegt die Lippen zu jedem gesungenen Satz, hält inne, hält sich ein Nasenloch zu und lässt einen Schleimklumpen neben den Stuhl pendeln. Die Zuschauer chodere und schnudere! Sie sammeln kratzend und würgend ihren Schleim aus allen Gängen und lassen ihn auf den Boden fallen.

Und so wie die Leute in der Oper chodere, chodere sie draussen in der Stadt. Sie chodere im ganzen Land! Alle. Junge Frauen, gestylt, und mit den unvermeidlichen hochhackigen Stiefeletten an den Füssen: sie chodere. Ohne mit der Wimper zu zucken schleudern sie ihre Schleimklumpen ihn in den nächsten Mülleimer! Mehrere Antispuck-Kampagne hat die Regierung bereits lanciert. Und mehrmals haben sie versagt. Heute wird etwas häufiger in zufällig herumstehende Eimer und Becken gespuckt als auf das freie Feld...

Ueberhaupt ist das Verständnis von dem, was wie öffentlich getan wird, ein anderes. Weiteres Beispiel: die Toiletten. Ebenfalls in der Oper sehen wir zum ersten Mal eine Toilette, auf der sich die Frauen beim Pinkeln gegenseitig mustern, zulächeln, zuwinken, weil Eingangstüren sowieso, aber auch Zwischenwände fehlen. Die Intimität wird noch gesteigert in jenen Anlagen, die nur aus einer Rinne im Beton bestehen. Aus einer Rinne, über die sich die Frauen hintereinander und nicht nebeneinander kauern. Man kann viel Zeit mit Phantasien darüber verbringen, ob man, wenn man so richtig müsste und eine schon täte, sich dann hinter sie oder eher vor sie kauern würde... Der Fall ist bisher zum Glück nicht eingetreten.


 

 

Mehr aus China bald.