Von Land und Stadt, Stieren, Rosen und Überraschungen


 

Gleich hinter der bulgarischen Grenze werden wir von einem Stier angegriffen. Eben hat uns der Bauer den Weg zum Waldrand gewiesen, wo wir wild campen wollen. Jetzt schnellt er, mit dem Holzstock fuchtelnd, herbei, um seinen schnaubenden Bullen zu verjagen.
Dieser, durch uns seine Kühe bedroht sehend, galoppiert in direkter Bahn auf uns zu. Doch noch bevor wir so richtig flüchten können, dreht das Tier ab, der

  Bauer grinst - und wir nehmen uns für die Nacht ein Zimmer im Dorfhotel.


Auf dem Land...



Über das Dorf, Slivnica, wird unsere bulgarische Kontaktfrau Nevena später in Sofia sagen, es sei 'schrecklich': heruntergekommen, arm. Nevena studiert in der Hauptstadt Bulgariens Theaterwissenschaft und ist eine Freundin eines Freundes in Bern. (Dank hier an alle, die auch noch die verwickeltsten Verwandtschafts-beziehungen haben spielen lassen, um für uns in Bulgarien Sachen zu organisieren. Bei Weneta haben wir gegessen, bis zum Platzen, es war wunderbar!) Heruntergekommen, arm - so zeigt sich uns Slivnica an diesem ersten Abend, und so wird noch

 

manches Dorf, mancher Weiler auf dem Weg ans Schwarze Meer auf uns wirken. Auf der UNO-Liste, die weltweitdie Entwicklung der Länder bewertet, liegt Bulgarien auf einem der hinteren Ränge. Die Ausgaben für Essen liegen bei 44 Leva, etwa 35 Franken, pro Kopf und Monat.
Auf der Strasse fahren zum Bersten gefüllte Autos an uns vorbei, viereckige Kisten Marke Lada oder Moskovic;
später sehen wir die Leute bei der Feldarbeit. Immer wieder überholen wir auf der löchrigen Strasse ratternde Fuhrwerke, gezogen von Stuten und ihren Fohlen. Hirten dösen neben ihren Schafherden in der Mittagshitze. Manchen unserer Rastplätze sehen wir an: hier haben Leute vorübergehend gewohnt. Waren es Roma, Nicht-Sesshafte, von denen in Bulgarien viele leben? Wir wissen es nicht, aber dass sie mit Diskriminierung und Vorurteilen leben müssen erfahren wir. Mehr als einmal werden wir heftig vor Diebstählen gewarnt.


... und in der Stadt

Eine ganz andere Welt in Sofia. Keiner unserer bulgarischen Bekannten wollte die Hauptstadt mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern rühmen. In unsere Erwartungen mischten sich Phantasien darüber, welche Spuren aus der Zeit des strengen Kommunismus sichtbar sein würden...



 

Wir wohnen im 'ArtHostel', einer Genossenschafts-Herberge, die im Winter für Rauminstallationen und Performances genutzt wird. Die Etikette auf einem Blumentopf vor dem Fenster weist diesen als Geschenk einer Herberge in Berlin aus. Genau, an Berlin erinnert Sofia - an den Ostteil, in dem so vieles am Entstehen ist. Wir verlümmeln den Nachmittag im Strassencafe, essen im gestylten Restaurant (ausgezeichnet), sehen uns im Multiplexkino 'Matrix Reloaded' an (schlecht). Stadtleben eben.


Rosen...

Nach vier Tagen fahren wir weiter Richtung 'Tal der Rosen'. Weite Felder von duftenden Buschrosen werden hier für die Herstellung von Produkten wie Rosenöl genutzt. Dass dies auch zu früherer Zeit so war, daran erinnert die mehrere Meter hohe Steinskulptur einer Rosenpflückerin... Die Stadt Karlovo empfängt uns mit dem 'Fest der Rosen' - einer Art Erntedankfest, bei dem seltsamerweise fast jegliche Rosen fehlen. Dafür 'gellen' die bulgarischen Sängerinnen, dass es uns die Nackenhärchen kräuselt. (Mal reinhören,

 



dann weiss man, was gemeint ist. Empfehlung: Le Mystere des voix bulgaires.)
Wir schwitzen über die Hügel hinter Sofia - es ist anfangs Juni und es ist heiss. Doch wir wissen, dass uns diese Temperaturen noch gar nicht so heiss scheinen dürften, weil es die nächsten zwei Monate noch viel, viel heisser werden wird. So, wie uns auch die Fahrt vom einen Ende Bulgariens zum andern Ende Bulgariens nicht weit erscheinen dürfte, weil diese Fahrt in den folgenden Ländern noch viel, viel länger werden wird.


...und Überraschungen



Aber noch sind wir in Bulgarien. Im erstaunlichen Bulgarien, das uns mehr als einmal überrascht: Auf der Landstrasse fährt ein Wagen vorbei, der Fahrer streckt uns aus dem offenen Fenster seine Visitenkarte entgegen. Er muss eine Art Sporttrainer sein, entziffern wir die kyrillischen Buchstaben. Eine Stunde später fährt er aus der Gegenrichtung wieder an uns heran, stoppt, bringt Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Kirschen, Kekse, gute Ratschläge auf Bulgarisch - Unser Herz gewinnt er vollends, als er auch am nächsten Tag wieder auftaucht, uns einen zweiten Sack Kirschen in die Hand drückt und wieder abrauscht. Unser personal trainer von Bulgarien!

Oder: Es ist abend wir sind hundemüde und steuern auf einen Ort zu, an dem vielleicht ein Zeltplatz zu finden sein

  wird (eine Auskunft), vielleicht aber auch nicht (andere Auskunft) - wir übernachten schliesslich auf dem gepflegten Rasen vor dem immensen Swimmingpool von Jordan, der uns ausserdem nach unserem kühlen Abendbad bekocht und uns mit Schnaps und Wein bewirtet.



Oder: Ein Mädchen führt uns abends durch die abgeschabten Aussenquartiere einer Kleinstadt. Passanten, die wir zufällig nach dem Weg fragten, haben sie beauftragt, uns ins Motel zu führen. Als sie sich verabschiedet und wir durchs Tor treten, gelangen wir auf einen gepflasterten Platz, umgeben von renovierten Riegelhäusern, bestanden mit kräftigen Laubbäumen. Ballenberg auf Bulgarisch. Hier!

So ist Bulgarien. Und auch anders.