Mostar und Sarajevo - fahren im Nichts und: die schönen jungen
Leute von Visegrad


 

Bei leichtem Gegenwind fahren wir durch das Flusstal der Neretva. Sie wird
uns dunkel und ruhig über die erste

  grössere Stadt, Mostar, hinaus bis
nach Jablanica begleiten, bevor wir uns gegen Osten wenden, nach Sarajevo.

"From the people of Japan"

Zwanzig Kilometer nach der bosnischen Grenze, die wir unbeachtet passieren,
machen wir in einem kleinen Dorf halt. Wir wollen Teigwaren, Rahmsauce,
Tomaten und Gurken für den Abend kaufen, wir wissen nicht, ob wir Mostar heute noch erreichen. Von weitem haben wir bereits das helle Minarett einer Moschee sich vor dem Grün der Laubbäume abzeichnen sehen. Neben dem kleinen Laden nun unübersehbar: ein meterhohes Kreuz aus Beton. Auf dem Parkplatz in der Nähe wartet ein Lastwagen mit Anghänger, dessen Plane auf Deutsch für frische, knackige Ware wirbt. Ein Werbeschriftzug für den "OBI-Baumarkt" ist uns bereits auf der Strasse mehr als einmal begegnet. Im Dorfcafe plaudert ein Grüppchen Männer und Frauen im Tarnanzug, auf dem Nummernschild ihres Geländewagens lesen wir: SFOR. Später überholt uns ein zitronengelber Car mit rotem Punkt und schwarzer Schrift an der Seite: From the people of Japan. Offenbar sind es japanische Spenden, die den Busverkehr im Tal ermöglichen.

 

In diesem kleinen grenznahen Ort sehen wir auf engstem Raum, was auf unserer Reise durch Bosnien-Herzegowina immer wieder augenfällig sein wird: die
Mischung von Religionen und Ethnien, die nicht mit den konstruierte Grenzen
übereinzustimmen scheint. Die Präsenz der internationalen Friedenstruppen SFOR, deren Funktion das schlichte Hiersein sein muss: Wir treffen die italienischen, deutschen, holländischen Soldaten vor allem beim Filmen von Sehenswürdigkeiten, in Cafes oder wenn sie uns auf der Strasse, oft hupend und winkend, überholen. Später erfahren wir, dass von ihnen heute, acht Jahre nach dem Krieg, immer noch 12 000 im Land sein sollen. Die Herkunft der Lastwagen mit den deutschen Aufschriften wird bis zum Schluss nicht ganz durchsichtig. Die meisten werden Hilfsgüter sein, die ihren Zweck bestimmt erfüllen. Doch fragen wir uns manchmal, ob die Fahrer wissen, mit welchen Slogans sie unterwegs sind...


Mostar

Wir folgen weiter der Neretva. Der Wind ist stärker geworden und trocknet
die Kehle aus. Nicht nur deshalb sprechen wir wenig - die Gegend um Mostar wurde im Krieg fast vollständig zerstört. Neben brutal zerschossenen Ruinen entstehen nun Neubausiedlungen - hier baut die EU. Die Leute ziehen ein, sobald das Häusergerippe steht, vor scheibenlosen Fenstern leuchten rot
Geranien. In weissen Punkten in der Ferne erkennen wir beim Näherkommen
Grabsteine. Friedhöfe wurden in der Not direkt neben Wohnhäusern, neben einer Tankstelle angelegt.

Mostar bei Nacht

Wir wollen bis Mostar heute, das ist jetzt klar. Auch wenn der Wind weiter zunimmt, so dass Handgelenke und Nacken zu schmerzen beginnen. Wir ducken uns. Die Strasse wird schlechter. Immer wieder weichen wir Löchern aus, die an den Rändern sternförmig auslaufen - es sind Granateinschläge.

Dann Mostar - die Hauptstadt von Herzegowina. Berühmt war sie vor dem Krieg für ihre türkische Brücke über die Neretva aus dem 16. Jahrhundert.
Sie gab der Stadt ihren Namen: Hüterin der Brücke. Berühmt ist sie nach
dem Krieg für dieselbe Brücke: im November 1993 zeigten die Fernsehnachrichten, wie sie in die Luft gesprengt wurde.


Moschee in Mostar

 

Wir stehen auf einem Platz unweit der Altstadt und sind erschüttert Häuser, in deren Fassade die Einschusslöcher nur Zentimeter weit auseinander liegen.
Hochhäuser, durch Brände ausgehölt, halb zerfallen, Gras wächst aus den Ruinen maurischer Bauten, die den Platz einmal stattlich gesäumt haben müssen. - Nein, wir wussten nicht, wie eine umkämpfte Stadt acht Jahre nach dem Krieg aussieht.

Einschusslöcher in den Wänden

Für drei Nächte mieten wir uns im Hotel Bristol ein. Es ist Wochenende und die Stadt wirkt sehr lebendg. Viel Schminke, enge Röcke, Föhnfrisuren - man ist im Ausgang. Viele junge Frauen tragen Kopftuch und lange Gewänder, sehr selbstverständlich, sehr selbstbewusst. Was gibt's hier zu sehen?

Wir sind voller Fragen: Ist das was wir sehen "Normalität" oder weiss Mostar, den Umgang mit Touristen gewohnt, nur, wie es normal wirken kann? Trotz künstlicher Grenzen zwischen muslimischem und kroatischem "Sektor"? Wie alt war diese junge Frau im Krieg, und welche Rolle spielte der Mann dort? Der Krieg ist in unseren Gesprächen Dauerthema.


Mostar


Sarajevo

Das ändert sich auch einige Tage später in Sarajevo, der Landeshauptstadt, nicht. Dasselbe, oft absurde Bild: Hochhäuser, deren untere Stockwerke bewohnt, die oberen ausgebrannt sind. Saubere Wäsche flattert neben verkohlten Mauerresten im Wind. Sarajevo wurde zwischen 1992 und 1995 von serbischen Truppen belagert. Heckenschützen (Sniper) schossen von den umliegenden Hügeln auf alles, was sich bewegte. Man sagt, dass die eingeschlossenen Bewohner, um nicht getroffen zu werden, auf der Hauptstrasse bis zu 180 Stundenkilometer schnell fuhren. Die Strasse wurde "Sniper Avenue" genannt.

Sarajevo

Wir besichtigen etwas ausserhalb die Überreste eines Tunnels, der während der Belagerungszeit die einzige Verbindung zum freien Umland gewesen sein soll. Er führte unter dem Flugplatz hindurch, der zu dieser Zeit von der UNO kontrolliert wurde und erfüllte vor allem militärische Zwecke zur Verteidigung der Stadt. Heute gibt sich ein ehemaliger Soldat viel Mühe,

 

den Tunnel zu einem Museum umzufunktionieren. Auf die Idee kam er aus Beschäftigungsmangel, wie er in einem Flyer freimütig gesteht. Auf dem Rückweg in seinem Auto sagt der Mann, dass die Arbeitslosigkeit hier bei über fünfzig Prozent liege. Dies erklärt uns, weshalb die Strassen und Cafes zu jeder Tages- und Nachtzeit voll sind.

Sarajevo Strasse

Viel Zeit verbringen wir in Sarajevo in unserer Pension in der Altstadt.
Wir sind müde. Die erste Nacht müssen Simu und Hugo allerdings aus Platzmangel in einer Art Kellerabteil verbringen. Fensterlos ist es und feucht. Dies hat eine gute und eine schlechte Folge. Die gute: dort unten lernen die
beiden Johannes kennen, einen finnischen Studenten, mit dem wir uns sehr
gut verstehen. Die schlechte: Es dauert einen Tag, bis die beiden nicht
mehr stinken. (Wir sind uns nicht einig, wie das Dialektwort "nüechtele"
zu übersetzen wäre. Nüchteln?)


Noch mehr Tunnel

Wir verlassen Sarajevo im Regen. Über den Weg haben wir uns bei einem sehr hilfsbereiten Kellner genauer informiert. Doch, dor sei eine Strasse, auch wenn sie nicht auf der Karte zu finden sei. Ja, hier ändere eben alles schnell. Ob er uns absichtlich verheizte oder es nicht besser wusste: "Dort" gibt es keinen Weg. Bevor wir beim Einnachten müde und wütend in der muslmischen Enklave Gorazde ankommen, müssen wir einen 1200 Meter hohen Pass überwinden. Auf einem Schottersträsschen. Es regnet immer noch. Einzig die gebrannten Mandeln und die zuckrigen Geleeklötzchen, die wir in Sarajevo in einem Anfall von Heisshunger gekauft haben, retten uns über den Berg. Jawohl, über den Berg. Dass dies zudem stark vermintes Gebiet ist – Johannes hat uns eine aktuelle Minenkarte gezeigt -, darüber sprechen wir erst, als wir in Gorazde angekommen sind.

Und wir werden es auch niemandem erzählen. Wir wollen nicht, dass man sich um uns ängstigt.

 
Auf dem Weg nach Gorazde

Genauso wenig werden wir über die bosnischen Tunnel berichten. Sie sind
schwarz. Das heisst lichtlos. Vollkommen lichtlos. Simu, der im ersten - wir waren noch unerfahren - zuvorderst fuhr, glaubte nach wenigen Metern, das Augenlicht verloren zu haben. Und Simu ist Arzt. Hugo, der Fotograf, hingegen, wähnte sich in der Dunkelkammer, während Sarah mit den Schutzengeln ihrer Grossmutter kommunizierte. Bea fluchte und giftelte zuhinterst: so etwas mache ich nicht mehr mit. Heute sind wir viel kreativer: Wir stoppen Autos und bitten sie, sich hinter uns zu halten. So ist die Strasse beleuchtet und wir sind sicher, dass uns keiner - in den Arsch fährt.

Die Schönen von Visegrad

Unsere Bosnienreise findet im kleinen Visegrad einen letzten Höhepunkt. Das Städtchen ist weniger versehrt, wenn auch arm. Zufällig erleben wir eine Art Jungbürgerfeier mit: Auf der Strasse vor unserem Hotel sammeln sich etwa zwanzigjährige Frauen und Männer mit ihren Müttern, Vätern, Onkel, Nichten. Sie sind aufgedonnert, dass es eine Freude ist: toupiert und onduliert, gemecht, gelockt, gefärbt, gepudert, bechiffont, bestrumpft, geschalt, gegelt und wir erleben alles in der vordersten Reihe in

 

einem Cafe sitzend mit. Wir sind nur etwas irritiert, dass die umstehende Menge so desinteressiert wirkt, als die Schönen pärchenweise vorbeidefilieren - wohin, das erfahren wir nicht. Denn länger schon haben wir die Mansprichtdeutschundenglisch-Grenze überschritten. Wir kommunizieren jetzt vor allem in Gebärde. Also. Niemand klatscht, niemand johlt. Auch nicht, als die Schönen wieder zurückkommen und sich die Menge sang- und klanglos auflöst. Haben wir hier etwas nicht verstanden?